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Streit um "Superregistry"

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Der Streit zwischen den Managern der Länderregistrierstellen (country code Top Level Domains, ccTLD) und der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) spitzt sich zu. Bei der 3. Tagung des ICANN-Studienkreises in Salzburg warnte die Chefin der DENIC eG, Sabine Dolderer, vor einer "Superregistry" ICANN. Richard Wein, Geschäftsführer von nic.at sagte gegenüber Heise, es gebe derzeit keine Annäherung in den Vertragsverhandlungen zwischen ICANN und den ccTLDs. "Wir wollen Verträge mit ICANN und wir sind auch bereit, für ICANNs Leistungen zu bezahlen, aber wir wollen wissen, was wir dafür bekommen."

Wein ist überzeugt, dass es in der seit ICANNs Jahrestagung in Marina del Rey erneut hochkochenden Auseinandersetzung eher um grundsätzliche Fragen als um die von beiden Seiten vorgeschlagenen, verschiedenen Vertragstexte im einzelnen gehe. Die ccTLDs bestehen darauf, dass ICANN für sie eine technische Service-Organisation ist, die für das reibungslose Funktionieren des Domain Name System (DNS) zu sorgen hat. ICANN selbst sehe sich offenbar aber stärker als Institution mit einem globalen, politischen Auftrag.

Verärgert sind die ccTLD-Betreiber etwa über ICANNs Anspruch, der in Kalifornien ansässigen privaten Firma jederzeit Zugriff auf ihre Registrierdaten zu sichern. Was für ICANN-Vertreter Herbert Vitzthum eine Absicherung der Nutzer ist, etwa für den Fall einer Neudelegation, erscheint der Gegenseite als völlig überzogene Einmischung der ICANN in ihre Arbeit.

"Die ccTLDs können die Datenbestände auch bei einer von der jeweiligen Regierung zertifizierten Stelle hinterlegen, auf die ICANN nur dann zugreift, wenn ein Vertrag beendet oder gebrochen wird", sagt Vitzthum. Ein solcher Fall werde die absolute Ausnahme bleiben und bei den perfekt arbeitenden Registrierstellen in Europa vermutlich nie eintreten. Aber man dürfe nicht nur an Europa denken, wo die Länderregistrierstellen gute Arbeit leisteten. "Wir führen derzeit in Libyen eine Redelegation ohne den alten Datenbestand durch, weil der bisherige Manager die Registrierdaten nur gegen Geld hergeben will."

Vitzthum sieht auch eine gewisse Berechtigung dafür, die ccTLDs durch den Vertrag an ICANN-Entscheidungen zur DNS-Politik zu binden. "Beispielsweise ist nicht einzusehen, warum eine global operierende ccTLD anders behandelt werden soll als eine generische TLD." ICANN wolle sich zumindest die Möglichkeit offenhalten, in einem solchen Fall Einfluss auf die Registrierbestimmungen zu nehmen. Gedacht ist dabei offensichtlich unter anderem an die Durchsetzung etwa der außergerichtlichen Schlichterverfahren. Schon jetzt haben sich allerdings global operierende TLDs wie ".tv" in der Regel der sogenannten Uniform Dispute Resolution Policy (UDRP) unterworfen. "Sicher," so Vitzthum, "muss man in den Verträgen noch klarer definieren, was man haben will."

Die ccTLD-Vertreter bestehen aber entschieden auf ihrem eigenen Vertragsentwurf. Sie sind empört darüber, dass ICANNs Präsident Stuart Lynn sich eindeutig gegen "Service-Verträge" ausgesprochen hat, in denen etwa regelmässig Rechenschaft über den technischen Status quo der Root-Server abgelegt wird. Doch ICANN verhandelt derzeit selbst erst über Vereinbarungen mit den 13 Root-Server-Betreibern, "und eine Garantie für 24-Stunden-Verfügbarkeit werden wir da auch nicht bekommen", sagt Vitzthum. Dennoch sei der Root-Server-Betrieb so redundant ausgelegt, dass die Stabilität jederzeit gesichert sei.

Vizthum rechnet damit, dass es bereits bei der kommenden ICANN-Tagung in Accra erste Abkommen mit einem Root-Server-Betreiber geben wird. Auch für die über 250 Verträge mit den Länderregistrierstellen ist der ehemalige nic.at-Chef optimistisch. In den vergangenen drei Jahren konnte ICANN lediglich einen Vertrag mit der australischen Registry abschliessen. Hoch umstritten war bisher auch die Rolle der nationalen Regierungen, viele ccTLD-Betreiber lehnen einen zu starken Einfluss der Regierungen ab.

In Accra stehen auch die Verhandlungen über den finanziellen Beitrag der nationalen Registrierstellen zum ICANN-Budget an. Nic.at-Geschäftsführer Wein wollte sich vorerst noch nicht zu einem möglichen Finanzierungsstop äussern. "Ob die ccTLDs bezahlen oder nicht, die Verhandlungen gehen trotzdem weiter", sagt Vitzthum. Man sei bereit, mit jedem einzelnen der Länderregistrare zu sprechen. Am heutigen Sonntag gibt es erneut informelle Gespräche mit Vertretern des europäischen Verbands der nationalen Registrierstellen. (Monika Ermert) / (anw)