Streit um die Marke "Web 2.0"

Die Verlage CMP und O'Reilly mahnten einen Konferenzveranstalter ab, weil er den Begriff "Web 2.0" benutzte - diesen wollen die Firmen für Konferenzen als Marke schützen. Tim O'Reilly betont nun, keine allgemeine Marke "Web 2.0" zu beanspruchen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 71 Beiträge
Von
  • Monika Ermert

Müssen Konferenzorganisatoren künftig bei CMP/O'Reilly um Erlaubnis bitten, wenn sie den Begriff Web 2.0 in ihren Konferenztitel aufnehmen wollen? Geht es nach den Juristen der Verlagsgruppe, dann ja. Der Verlag will sich nach dem Erfolg von O'Reillys Web-2.0-Konferenzen den Begriff schützen lassen. Anträge auf die Eintragung der Marke für Konferenzen und Bildungsveranstaltungen laufen seit einiger Zeit in den USA, Europa und anderen Ländern. Seit Tagen tobt nun ein Streit im Netz um die Abmahnung des irischen IT-Experten Tom Raferty, weil dieser eine halbtägige Konferenz mit eben diesem Titel angekündigt hatte. Nun meldete sich Firmenchef Tim O'Reilly zu Wort, um die Wogen zu glätten.

Tim O'Reilly wiederholte eine Entschuldigung der Firmenanwälte von O'Reilly und CMP, die Raferty bereits eine "Ausnahme" zugestanden hatten. O'Reilly bestätigte, dass Raferty ihn persönlich auch um eine Teilnahme gebeten habe und er also von der Konferenz wusste. Gleichzeitig forderte er allerdings auch von Raferty eine Entschuldigung dafür, wie dieser "den Mob" beziehungsweise die Blogosphäre "angestachelt" habe. Er kritisierte etwa, dass O'Reilly für die von CMP verschickte Abmahnung allein verantwortlich gemacht worden war. Blogger hatten O'Reilly teilweise wüst beschimpft.

Zum Kern des Streits und dem Schutz des Begriffs schreibt O'Reilly: "Es muss klar sein, dass weder CMP noch O'Reilly das Recht auf jegliche Nutzung des Begriffs Web 2.0 beanspruchen, wie manche Blogger das behauptet haben. Wir wollen nur verhindern, dass andere Konferenzveranstalter mit ihren Veranstaltungen den Namen und das Konzept, die wir geschaffen haben, ausschlachten. Niemand kann mir erzählen, es sei nicht möglich, eine Web-2.0-relevante Konferenz zu machen, ohne Web 2.0 im Namen zu führen", meint Tim O'Reilly. Microsofts Mix 06, Googles Zeitgeist und Ajax Experience seien Beispiele. O'Reillys Juristin hatte zuvor erläutert, ebensowenig wie ihr Unternehmen eine LinuxWorld-Konferenz veranstalten könne dürften andere Konferenzorganisatoren eine Web-2.0-Konferenz veranstalten. Neben IT@Cork sei auch eine Gruppe in Washington abgemahnt worden.

Mittlerweile versteht man unter dem Begriff Web 2.0 verschiedene Techniken und offene Schnittstellen wie AJAX und soziale Software, die die Grenzen zwischen lokalen und Webanwendungen auflösen. Auch O'Reilly räumte immerhin ein, dass Web 2.0 sich in die Richtung eines generischen Begriffs entwickelt habe. Da der Streit letztlich seiner wichtigsten Marke, nämlich O'Reilly, zu schaden drohe, werde er mit dem Partner CMP über mögliche Lösungen sprechen. Das Schutzbedürfnis der Unternehmen solle mit der Tatsache vereinbart werden, dass Web 2.0 auch eine phänomenale Technik beschreibe.

Softwareentwickler Dave Winer kommentierte trocken in seinem Beitrag zur Debatte, dass die profitorientierten Unternehmen Millionen mit der Kommerzialisierung der Ideen gemacht hätten, die andere kostenlos und offen zur Verfügung stellten. "Die haben den Namen Web 2.0 geschaffen, vielleicht, aber das ist alles. Die Ideen hinter Web 2.0 sind die Arbeit anderer, und diese Leute haben größtenteils überhaupt kein Geld mit dieser Arbeit gemacht."

Noch, so stellten verschiedene Juristen fest, kann Einspruch gegen die Marken eingelegt werden. Raferty, irischer "Blogger des Jahres", bekam massive Rückendeckung aus der Blogosphäre, bis hin zu einer Versteigerungsaktion für die Internetadresse web2pointzeroconference.com, die Geld für einen Rechtsstreit einbringen sollte. Noch sind es erst 302 Euro, das reicht wohl kaum für einen Widerspruch bei den Patent- und Markenämtern, bei denen die Eintragung anhängig ist. (Monika Ermert) / (jk)