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Streit und Umbau bei Wikimedia Deutschland

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Unmittelbar nach den Feierlichkeiten zum zehnten Geburtstag der Online-Enzyklopädie Wikipedia geht es bei Wikimedia Deutschland um Richtungsentscheidungen: Am kommenden Samstag müssen die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung über einen Misstrauensantrag gegen den Vorstand und über eine Strukturreform entscheiden. Anlass des Streits ist die Gründung einer Fördergesellschaft im Herbst 2010, die nicht von der Mitgliedsversammlung abgesegnet worden war.

Die Ausgründung einer weiteren Körperschaft aus einem Verein hätte nicht ohne Einbindung der Mitglieder erfolgen dürfen, erklärte Vereinsmitglied René Schwarz. Auf einer eigens eingerichteten Webseite sammelte er Unterschriften, um eine außerordentliche Mitgliedsversammlung einzuberufen. Nun muss sich der Vereinsvorstand am Samstag dem Misstrauensvotum stellen.

Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, sagte gegenüber heise online, es habe sich nicht um eine wirkliche strukturelle Änderung gehandelt, sondern um eine verwaltungstechnische Konstruktion. Das Thema sei nicht auf der Mitgliederversammlung im Mai 2010 zur Sprache gekommen, da zu der Zeit mit der Wikimedia Foundation über einen neuen Vertrag über Verwendung der Markenrechte der US-Stiftung verhandelt worden sei. Teil der Verhandlungen war offenbar auch die Neuregelung der Spendenverteilung.

Bisher konnte der als gemeinnützig anerkannte Verein Wikimedia Deutschland die US-Zentrale aus steuerrechtlichen Gründen nur indirekt unterstützen, indem er zum Beispiel Konferenzen veranstaltete oder eine Serverfarm in Amsterdam aufbaute. Für die Expansion in Entwicklungsländer benötigt die Wikimedia Foundation aber möglichst direkten Zugriff auf die Spendengelder. Dies war schon seit Jahren Streitpunkt zwischen den beiden Organisationen, im Sommer wurde der Durchbruch erzielt.

"Dass die Neuregelung der Mittelverteilung bereits für die Spendenkampagne 2010/2011 von uns und der Wikimedia Foundation angestrebt wird, hat sich tatsächlich erst im Verlauf des Jahres 2010 und nach der Mitgliederversammlung herauskristallisiert", erklärt Richter gegenüber heise online. Nun werden die Spendengelder direkt über die Fördergesellschaft abgerechnet – Wikimedia Deutschland und die Wikimedia Foundation erhalten jeweils die Hälfte des Betrages. Alleine in Deutschland wurden in der neusten Spendenkampagne 2,2 Millionen Euro eingenommen, die Wikimedia Foundation verbuchte umgerechnet rund 12 Millionen Euro Einnahmen.

Am Samstag müssen die Mitglieder auch über zwei Satzungsentwürfe entscheiden. Während der Vorstand unter anderem aus Haftungsgründen die Aufgaben des bisherigen Vorstandes in ein neu zu gründendes Präsidium auslagern will, sieht der Konkurrenzantrag eine größere Beteiligung der Community vor, um mehr Transparenz bei den Entscheidungsvorgängen zu schaffen.

Der Vorstand widerspricht der These, er sei nicht offen genug für Anregungen aus der Vereinsbasis: "Fördertöpfe wie das Community-Budget, das Literaturstipendium und andere werden regelmäßig nicht ausgeschöpft, da schlicht nicht genug Anträge gestellt werden. Das ist tatsächlich ein Problem, und mit Initiativen wie dem kürzlich gestarteten Ideenwettbewerb WissensWert versucht Wikimedia Deutschland, mehr direkte Anfragen aus der Community zu fördern."

Unterdessen versucht der Vereinsvorstand sich mit neuen Initiativen direkt an die Wikimedia-Community zu wenden. So stellte der Vorstandsvorsitzende Sebastian Moleski im Dezember die direkte juristische Unterstützung von Wikipedia-Autoren durch den Verein in Aussicht. Auch die Verteilung von Geld der Verwertungsgesellschaft VG Wort an Wikipedia-Autoren wurde wieder auf die Agenda gesetzt. Wie eine solche Geldverteilung bei dem ganz auf seine Unkommerzialität gegründeten Projekt funktionieren könnte, wird den Verein wohl noch Jahre beschäftigen. (Torsten Kleinz) / (anw)

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