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Studie: Humanoiden Robotern wird automatisch Denkfähigkeit unterstellt

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Wann sehen Menschen in Maschinen wie einem Computer ein menschenähnliches Wesen? Oder wann gehen Menschen implizit davon aus, dass eine Maschine denken, intentional handeln und rationale Entscheidungen treffen kann? Wissenschaftler von mehreren Forschungseinrichtungen – darunter das Universitätsklinikum Aachen und die Universität Bielfeld – haben mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) untersucht, ob die Gehirne von Versuchspersonen anders reagieren, wenn Roboter im Aussehen menschenähnlicher werden.

Bisherige Forschungen mit Gehirnscans hatten ergeben, dass bei Menschen zwei Gehirnareale, der mediale präfrontale Kortex und der posteriore Teil des rechten Sulcus temporalis superior (pSTS), eine Rolle spielen, wenn es darum geht, sich in ein Gegenüber hineinversetzen zu können. Diese Fähigkeit nennen Wissenschaftler "Theorie des Geistes" (ToM für Theory of Mind). Aus dem Verhalten wird auf die geistigen Zustände einer anderen Person geschlossen, wenn das Gegenüber einmal als Person anerkannt wird, wozu auch das Aussehen beiträgt. Mit der fMRI-Studie wollten die Wissenschaftler unter der Leitung von Sören Krach feststellen, welche Rolle bei der Interaktion mit Robotern deren Ähnlichkeit mit einem Menschen spielt, da soziale Roboter in Arbeit und Freizeit zunehmend zur Schnittstelle zwischen Menschen und Technik würden.

Vorstellung der Spielpartner. Bild: PLoS

Wie die Wissenschaftler in ihrem Beitrag berichten, der in der Open-Access-Zeitschrift PLoS One erschienen ist, wurde die Gehirnaktivität von 20 Versuchspersonen beobachtet, während sie das bekannte Gefangenendilemma vermeintlich gegen einen Laptop, einen funktionell gestalteten Roboter, einen humanoiden Roboter (BARTHOC Jr.) oder einen Menschen spielten. In Wirklichkeit erhielten sie aber nur jeweils eine Zufallsfolge von Spielzügen, auf die sie reagieren mussten. Den Versuchspersonen wurden zunächst ihre Spielpartner vorgestellt, denen sie dann an einem zum Schein verkabelten Laptop gegenüber saßen. Die beiden Roboter waren so programmiert, dass sie die Tasten auf ihrem Notebook gemäß dem vermeintlichen Spielverlauf drückten. Ebenso gab dies der menschliche Spielpartner vor. Nach dem Briefing legten sich die Versuchspersonen im benachbarten Raum in den MR-Scanner und spielten dort vermeintlich jeweils gegen einen der vier Spielpartner.

Der funktionelle Roboter aus Lego-Steinen und der humanoide BARTHOC Jr. Bild: PLoS

Zum Abschluss wurden sie befragt. Alle Versuchspersonen waren davon ausgegangen, tatsächlich gegen die vier Partner gespielt zu haben. Spielspaß und Zuschreibung von Intelligenz nahmen linear nach Anthropomorphismus vom Laptop bis zum Menschen zu. Sympathie wurde für BARTHOC Jr. stärker als für den funktionalen Roboter empfunden, BARTHOC Jr. und der Mensch wurden als ähnlich konkurrenzfähig erlebt. Gegen den humanoiden Roboter zu gewinnen, machte den Versuchspersonen mehr Spaß, als wenn sie Sieger über den Laptop oder den funktionalen Roboter wurden. Die Gehirnscans ergaben, dass bei den Versuchspersonen nach wachsender Menschenähnlichkeit die Gehirnareale am temporo-parietalen Übergang und am medialen präfrontalen Kortex zunehmend aktiviert waren, die dem klassischen ToM-Netzwerk entsprechen.

Allein durch das Aussehen der vermeintlichen Spielpartner verhielten sich die Versuchspersonen unterschiedlich und nahmen diese anders wahr. Die Studie bestätigt für die Wissenschaftler, dass Menschen "automatisch" einem humanoiden Roboter mentale Zustände zuschreiben, wenn auch noch in einem geringeren Maße als Menschen. Das könnte sich ändern, vermuten die Forscher, wenn künftige Roboter in Aussehen und Verhalten menschenähnlicher werden. Man stehe am Beginn der "nächsten Roboterrevolution". Allerdings wurde durch diesen Versuch nicht klar, welche Eigenschaften des humanoiden Roboters dafür verantwortlich waren, dass die Versuchspersonen ihn als denkendes Gegenüber betrachteten. Da autistische Kinder lieber mit Robotern als mit Menschen interagieren, könnten humanoide Roboter, so die Wissenschaftler, eine Möglichkeit darstellen, therapeutisch die mangelnde Fähigkeit zu erwerben, sich in den anderen hineinversetzen zu können. (fr)