Studie: Musikauswahl dient dem Ausdruck der Persönlichkeit und stärkt Stereotypen

Wenn Menschen ihren Musikgeschmack preisgeben, wollen sie damit häufig ihre Persönlichkeit unterstreichen. Sie laufen dabei aber auch Gefahr, von anderen Menschen in Schubladen gesteckt zu werden.

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Von
  • Andreas Wilkens

Musikfreunde, die anderen beispielsweise im Internet ihre Musikauswahl preisgeben, wollen damit häufig ihre Persönlichkeit ausdrücken beziehungsweise unterstreichen. Auf der anderen Seite laufen sie aber auch Gefahr, von anderen aufgrund ihrer musikalischen Vorlieben Stereotypen zugeordnet zu werden. Das haben Wissenschaftler des Fachbereichs Social and Developmental Psychology der britischen University of Cambridge in einer anlässlich des 800-jährigen Bestehens der Hochschule veröffentlichten Studie herausgefunden. Darüber hinaus könnten beispielsweise bei der Durchsicht einer iPod-Playlist nicht nur Stereotypen, sondern auch soziale Vorurteile bekräftigt werden, meint Versuchsleiter Dr. Jason Rentfrow.

Frühere wissenschaftliche Untersuchungen hätten zwar bereits beleuchtet, wie junge Menschen Musik als Ausdruck ihrer Identität benutzen, bisher sei aber wenig genauer erforscht worden, welche Botschaften mit Musik transportiert werden sollen, meint Rentfrow. Nun hat er mit seinem Team herausgefunden, dass auch unterschiedliche Gruppen von Testpersonen anhand einer Musikauswahl ähnliche Vermutungen über die Persönlichkeit, Werte, den sozialen Status und die ethnische Zugehörigkeit eines Menschen anstellen. So gälten Rock-Fans meist als rebellisch, künstlerisch und launisch. Klassik-Liebhaber seien meist weiß und stammten aus höheren Gesellschaftsschichten und stünden im Ruf, sympathisch, intellektuell, unattraktiv und langweilig zu sein. Jazz-Hörer gälten als freundlich, emotional stabil, aber auch mit einem begrenzten Sinn für Verantwortung ausgestattet. Wer Rap bevorzugt, sei meist farbig und gälte als feindselig, energiegeladen und sportlich.

Den Versuchspersonen wurden die sechs Musikgrenes Rock, Pop, Electronica, Rap, Klassik und Jazz ohne Definition vorgegeben. Weitere Genres wurden weggelassen in der Annahme, dass sie nicht allgemein bekannt sind. Die Versuchspersonen sollten nun den Liebhabern der verschiedenen Musikrichtungen die fünf Persönlichkeitsdimensionen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit zumessen. Als nächstes sollten die Versuchspersonen Merkmale wie Intelligenz, physische Attraktivität und Sportlichkeit auf einer Skala von 1 bis 7 zuordnen. Ebenso wurde mit Werten wie "angenehmes Leben führen", "wahre Freundschaft" und "nationale Sicherheit" verfahren. Schließlich sollten die Versuchspersonen die Musikgenres den 16 britischen Ethnien sowie fünf Gesellschaftsschichten zuordnen.

Die Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben teilweise signifikante Übereinstimmungen in den Zuordnungen gefunden, insbesondere bei den Genres Klassik, Rock und Rap. Die Profile dieser Musikgenres seien einheitlich und könnten klar voneinander getrennt werden. Demnach sei anzunehmen, auch wenn die Stereotypen über die Musikgeschmäcker nicht der Realität entsprächen, machten Menschen klare Aussagen über ihr Selbstverständnis und ihre Persönlichkeit, wenn sie über ihre Lieblingsbands oder Komponisten diskutierten. Bedeutend ist das vor dem Hintergrund, dass einander unbekannte Menschen Fragen wie zum Beispiel nach der Lieblingsband stellen, um eine Einschätzung zu bekommen. Es sei anzunehmen, dass die Musiker selbst und die Medien dafür sorgten, dass Stereotypen aufrechterhalten und verstärkt würden. (anw)