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Forscher: Russische Trolle hatten kaum Einfluss auf die politische Meinung in den USA

Laut einer Studie haben die Twitter-Trolle der "Internet Research Agency" die Haltung von Republikanern und Demokraten in den USA nicht groß ändern können.

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Diese Kritik richtet sich gegen den 2017 frisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump, scheint aber auch auf russische Trolle zuzutreffen.

(Bild: Shutterstock/Michael Candelori)

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Die wiederholt dokumentierte versuchte Meinungsmache der russischen Agentstvo Internet-Issledovanija
im US-Wahlkampf 2016 war weniger erfolgreich als vielfach angenommen. Davon geht zumindest ein Forscherteam um den englischen Soziologen Christopher Bail aus. Berührungspunkte mit Twitter-Konten der sogenannten Internet Research Agency (IRA) hatten demnach kurzfristig keinen substanziellen Einfluss auf die politische Meinung von Republikanern und Demokraten.

Die Wissenschaftler haben ihre Studie am Montagabend im Fachmagazin "PNAS" der Nationalen Academy of Sciences in Washington veröffentlicht. Sie untersuchten demzufolge 1239 Twitter-Nutzer, die sich als Republikaner oder Demokraten bezeichneten und zwischen Mitte Oktober und Mitte November 2017 an zwei Umfragen zu ihren politischen Ansichten teilnahmen. Bei dieser Gruppe glichen die Forscher ab, wer in der Zwischenzeit mit Konten interagierte, die nach Einschätzung von Twitter von der Trollfabrik aus St. Petersburg betrieben wurden.

Demnach sind 19 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Twitterer mit Profilen in Kontakt kamen, die unter der Kontrolle der Agentur standen. Das sind deutlich mehr als die zwei Prozent aller globalen Twitter-Nutzer, die nach Angaben des Betreibers von Anfang 2018 der Propaganda ausgesetzt gewesen sein sollen. Im großen Stil nahmen die Betroffenen laut der Analyse die Manipulationskampagne aber nicht wahr, da einschlägige Inhalte nur 0,1 Prozent der gesamten Interaktionen der Teilnehmer ausmachten und deren politische Ansichten sich auch so gut wie nicht änderten.

Die Autoren räumen selbst ein, dass sie mit ihrer Arbeit allenfalls ein Schlaglicht auf die Folgen russischer Desinformation setzen können. So betrachteten sie nur einen vergleichsweise kurzen Zeitraum Ende 2017 – da war US-Präsident Donald Trump schon ein Jahr gewählt. Forscher im Auftrag des Geheimdienstausschusses des US-Senats haben aber auch schon herausgearbeitet, dass es den Verantwortlichen der Trollfabrik nicht primär darum gegangen sei, den US-Immobilienmogul an die Macht zu bringen. Vielmehr legten sie es demnach darauf an, mittelfristig den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen, Vertrauen in die Institutionen zu untergraben und die öffentliche Debatte zu vergiften.

Weiter erläutern die Verfasser der Studie, dass in der Analyse nur Personen berücksichtigt wurden, die sich mit einer der beiden großen US-Parteien identifizierten. Außen vor blieben politisch Unentschlossene, die vielleicht leichter manipulierbar gewesen wären. Allerdings fanden die Wissenschaftler nach der Interaktion mit russischen Konten auch keinen Unterschied bei den Meinungen von Menschen, die über mehrere Jahre hinweg nur eine schwache Bindung zu Republikanern oder Demokraten zeigten. Zudem spielen Facebook und Instagram als weitere große Tummelplätze für russische Akteure keine Rolle.

In der deutschsprachigen Forschungsgemeinde werden die neuen Erkenntnisse zwiespältig aufgenommen. Axel Bruns, Professor für Medien- und Kommunikationsforschung an der australischen Queensland University of Technology, spricht von einer "nützlichen Studie". Sie helfe dabei, "den Einfluss russischer Trollkampagnen auf normale Social-Media-Nutzer ein wenig besser einzuordnen". Die tatsächlichen Auswirkungen der russischen Aktivitäten sollten nicht überbewertet werden.

"Die Befunde widersprechen der verbreiteten Sicht der Öffentlichkeit, die davon auszugehen scheint, dass man Personen auf Basis von Social-Media-Kommunikation beliebig in ihrer Meinung drehen kann", bewertet Nicole Krämer, Sozialpsychologin an der Uni Duisburg-Essen, die gewonnenen Einblicke. Es lasse sich daraus aber nicht ableiten, dass einschlägige Kampagnen spurlos an damit in Berührung Kommenden vorbeigingen. Dafür seien "zu viele methodische Lücken vorhanden".

Oliver Zöllner, Professor für Medienforschung und digitale Ethik in Stuttgart, hält es für das größte Manko der "seriös durchgeführten" Studie, dass die Macher die Stichprobe und den Kontext der Fragestellungen zu sehr verengt hätten. Letztlich seien damit "keine aussagekräftigen Befunde" mehr erkennbar. (vbr)