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Studie untersucht Zusammenhang zwischen Internet und Gedächtnis

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Dass sich Informationen jederzeit im Internet finden lassen, verändert die Art und Weise, in der Menschen sich Dinge merken. So lautet das Ergebnis einer psychologischen Studie, die jetzt im US-amerikanischen Wissenschaftsmagazin Science online veröffentlicht wurde. Autorin der Studie ist Betsy Sparrow von der Columbia University in New York. Zusammen mit ihrem Doktorvater Daniel M. Wegner von der Harvard University und Jenny Liu von der University of Wisconsin führte die Psychologin vier Experimente mit Testpersonen durch, in denen es um das Aufnehmen und Merken von Informationen ging. Eines der Ergebnisse: Wo das Gelernte später wieder abrufbar ist, merkten sich die Probanden besser als den eigentlichen Inhalt der Information.

Für die Studie mit dem Titel "Googles Effekt auf das Gedächtnis: Welche Folgen es für die Kognition hat, dass Informationen stets verfügbar sind" wählten die Forscher unterschiedliche Test-Szenarien. In einem sollten 60 Freiwillige sich 40 verschiedene Aussagen merken, die sie von einem Bildschirm ablesen und anschließend abschreiben mussten. Die Hälfte der Teilnehmer glaubte dabei, dass der Computer die Test-Aussagen speichert, während die übrigen Probanden annahmen, dass der Merkstoff nach der Anzeige auf dem Bildschirm gelöscht würde. Diese zweite Gruppe von Testpersonen merkten sich die präsentierten Aussagen deutlich besser als diejenigen, die sich auf die Speicherung im Rechner verlassen hatten. In einem abgewandelten Experiment präsentierte der Testrechner den Probanden gleich nach der eigentlichen Information die Angabe, an welcher Stelle im Computer sie diese Informationen wiederfinden könnten. Eine spätere Kontrolle ergab, dass die Testpersonen sich an den Speicherort selbst besser erinnerten als an die Aussagen - und das, obwohl für den Ablageort besonders nichtssagende und daher schwer merkbare Bezeichnungen gewählt wurden. Interessanterweise konnten diejenigen, die eine Aussage vergessen hatten, sich besonders gut an den Speicherort erinnern.

Ein Teil der Experimente nutzte den so genannten Stroop-Effekt. Dabei werden Wörter in unterschiedlichen Farben präsentiert und der Proband hat die Aufgabe, die jeweilige Farbe zu nennen. Der US-amerikanische Psychologe John Ridley Stroop hatte in seiner Dissertation nachgewiesen, dass es in Abhängigkeit vom Inhalt eines präsentierten Wortes unterschiedlich lange dauert, dessen Farbe zu benennen: Je stärker ein Proband am Inhalt des Gelesenen interessiert ist, desto länger braucht er, um die Farbe zu nennen. Die Forscher machten sich diesen Effekt zunutze, indem sie Harvard-Studenten aufforderten, zunächst kurze Aussagen als richtig oder falsch zu bewerten und anschließend farbige Wörter zu betrachten. Wenn es bei den Wörtern um Dinge rund um das Internet ging, also etwa Wörter wie "Google", "Bing" oder "Yahoo" angezeigt wurden, so dauerte die Farberkennung länger. Die Psychologen um Sparrow werteten dies als Beleg, dass die Studenten während des Tests darüber nachgedacht hatten, die präsentierten Aussagen durch eine Internetrecherche zu überprüfen.

Dass sich Menschen darauf verlassen, vergessene Informationen erneut abrufen zu können, ist nicht neu. Daniel Wegener beschrieb dieses Phänomen bereits 1985 unter dem Begriff "Transactive Memory". Seine Arbeit beschrieb das System sozialer Gruppen, in denen Informationen gemeinschaftlich gespeichert und wieder abgerufen werden. Als Beispiel nannte er Eheleute, bei denen sich ein Partner darauf verlässt, dass der andere stets über bestimmte Informationen verfügt, oder Gruppen von Berufskollegen, in denen Einzelne für ein bestimmtes Spezialwissen zuständig sind. Das Internet scheint inzwischen für viele Menschen die Rolle eines solchen verlässlichen Partners übernommen zu haben, so einer der Schlüsse, die die Psychologen aus ihren Forschungsergebnissen ziehen. (dwi)