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T-Mobile Austria: LTE-Versteigerung war Erpressung

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Nach der Versteigerung umfangreicher Mobilfunk-Frequenzrechte in Österreich müssen die drei Netzbetreiber insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro bezahlen. Angesichts der niedrigen österreichischen Mobilfunktarife ist das so viel, dass in der Branche Krisenstimmung herrscht. Die Meinungen über die Ursachen gehen weit auseinander. Andreas Bierwirth, Chef von T-Mobile Austria, fühlt sich sogar von der Regulierungsbehörde erpresst.

"Wie kann es passieren, dass in Österreich, einem der erlösschwächsten Länder, einer der teuersten (Frequenz)Preise herauskommt?", fragte er am vergangenen Donnerstagabend bei einer Veranstaltung des Branchenverbands Forum Mobilkommunikation (FMK). Aus seiner Sicht liegt es an dem von der Regulierungsbehörde gewählten Auktionsverfahren, das zugelassen hätte, dass ein Anbieter die Hälfte des Spektrums erwarb. Hätten zwei Betreiber jeweils die Hälfte ersteigert, wäre der dritte aus dem Markt geworfen worden. Die Alternative wäre dann gewesen, den Mitarbeitern zu kündigen und das Unternehmen zu schließen oder sich als virtueller Netzbetreiber (MVNO) sich in eines der beiden überlebenden Netze einzumieten.

Simulationen des sehr komplizierten Auktionsverfahrens (kombinatorische Clockauktion) hätten gezeigt, dass in mehr als 50 Prozent der Fälle einer der drei Bieter gar nichts bekommen hätte. "Das war eine Erpressung über den Fortbestand des Unternehmens", fand Bierwirth scharfe Worte, "Es ging nicht um den Wert des Spektrums, sondern um den Wert des Unternehmens." Nach dem Ende der großteils verdeckt abgelaufenen Auktion habe T-Mobile entdeckt, dass "ein ganz kleiner Betrag" ausgereicht hätte, um es auszuschließen. "Es ist Zufall, dass es nicht so gekommen ist. Das war brandgefährlich."

Der im Publikum anwesende Chefjurist der Regulierungsbehörde, Wolfgang Feiel, wollte die "abenteuerliche These der Erpressung" nicht auf sich sitzen lassen. Seine Behörde habe den gesetzlichen Auftrag, den "wahren Wert des Spektrums" zu erlösen, nicht billige Frequenzen zu verteilen. Aus Angst vor Absprachen zwischen den drei Bietern sei ein "etwas weniger transparentes Verfahren" gewählt worden, das auf den "neuesten Techniken der Auktionsswissenschaften" beruhe. Die Regulierungsbehörde hätte das Verfahren stoppen können, wäre tatsächlich ein Netzbetreiber leer ausgegangen. Am Montag möchte sie nähere Informationen über den Verlauf der Auktion bekanntgeben.

Die zweite Phase der Versteigerung lief über 72 Runden. In Runde 39 lockerte die Regulierungsbehörde offenbar die Geheimhaltung etwas, sodass die drei Bieter sehen konnten, wer wie viel wofür bietet. "Es hätte in Runde 45 vorbei sein können", sagte ein Insider zu heise online. Ein anderer meinte, "bei 750 Millionen hätte Schluss sein können". Doch es wurde bis 2,14 Milliarden weitergesteigert.

Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen war zu erfahren, dass A1 eine riskante Strategie gefahren haben dürfte: Der Marktführer wollte demnach unbedingt die Hälfte des gesamten Spektrums kaufen. Drei habe das in Runde 39 erkannt, und beschlossen, den Preis in die Höhe zu treiben. Das kostete es zwar auch selbst, nämlich 330 Millionen Euro, dafür mussten aber auch T-Mobile (654 Millionen) und A1 (1,03 Milliarden) viel tiefer in die Tasche greifen.

Drei hat nun kein Spektrum im 800-MHz-Band und nur wenig im 900-MHz-Bereich, dafür viel in höheren Frequenzregionen. Damit sind mehr Sendestationen erforderlich, um außerhalb der Ballungsräume Flächendeckung zu erreichen. Und das verursacht dauerhafte Zusatzkosten, schafft aber auch viel Kapazität im Netz. Und Drei hat geringere Netzausbauverpflichtungen als die beiden Inhaber von 800-MHz-Spektrum.

A1 hat sich auf den ersten Blick durchgesetzt und tatsächlich das halbe Spektrum gesichert. Doch die im Dezember fällige Milliarde hängt wie ein Mühlstein um den Hals des Mutterkonzerns Telekom Austria Group (TA). An der Börse ist die gesamte TA 2,6 Milliarden Euro wert. Und Rating-Agenturen haben die Bonität der Firma bereits herabgestuft, was ihr eine höhere Zinslast bescheren dürfte.

Konzernchef Hannes Ametsreiter verweist auf einen nicht ausgeschöpften Kreditrahmen, der ziemlich genau dem offenen Betrag entspricht. Doch der LTE-Netzausbau will ja auch finanziert sein. Also muss die TA nächstes Jahr doch eine Milliarde Euro beschaffen.

Eine Möglichkeit wäre eine Kapitalerhöhung. Die größten Aktionäre sind die Republik Österreich (28,4 Prozent) und America Movil (23,7 Prozent). Letztere soll aber kaum noch Interesse an der TA haben. Und sollte der Anteil der Republik über 30 Prozent steigen, müsste sie allen anderen Aktionären ein Übernahmeangebot machen. Das ist politisch schwer vorstellbar.

Die andere Möglichkeit wären Kredite oder Anleihen. Das würde die Verschuldung der TA etwa auf das 3,4-Fache des EBITDA (Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) heben. Das Unternehmen droht sich damit sogar höher zu verschulden als Telefónica. In Branchenkreisen wird daher bereits über den möglichen Verkauf einer Auslandstochter der TA gemunkelt.

Doch wieso hat A1 überhaupt so weit mitgesteigert und die Strategie nicht angepasst? Dazu erzählt man sich in Wien Verschiedenes: Eine Version sieht ein riskantes Pokerspiel, das einen Mitbewerber aus dem Markt schießen (fast gelungen), oder aber Drei aus den unteren Frequenzbändern heraushalten sollte (großteils gelungen). Bei sehr intensiver Nutzung könnte ein Netzausbau mit hohen Frequenzen Drei allerdings sogar zum Vorteil gereichen.

Eine andere Version meint, dass sich die Verantwortlichen ohne Rückendeckung des Aufsichtsrates im wahrsten Sinne des Wortes hineingesteigert hätten. Auch mangelnde Beratung zum neuen Auktionsverfahren wird kolportiert, je nach Quelle für einen anderen der drei Bieter. Und schließlich gibt es eine zutiefst menschliche Theorie: So etwas wie ein Rechenfehler sei Schuld am hohen Gebot der A1.

Keine dieser Geschichten wird von irgendeiner Seite offiziell bestätigt. Fest steht, dass die gesamte österreichische Mobilfunkbranche in die Krise gerutscht ist. T-Mobile und Drei denken laut über Rechtsmittel gegen die Versteigerung nach. 2012 lag die durchschnittliche Dauer eines Verfahrens beim zuständigen Verwaltungsgerichtshof (VwGH) bei 19 Monaten. Ab dem Jahreswechsel wird er für zusätzliche Aufgaben zuständig sein, was die Verfahren sicherlich nicht beschleunigen wird. Eine Berufung würde also die Unsicherheit im österreichischen Mobilfunkmarkt auf längere Zeit festschreiben und die Investitionsbereitschaft weiter bremsen. (ck)