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Tauschbörsen im Copyright-Krieg

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Vor einigen Tagen sorgte die Meldung in der P2P-Szene für Aufregung, dass Sharman Networks die Entwickler von Kazaa Lite K++ zur Aufgabe gezwungen hat. Kazaa Lite war eine gecrackte, werbefreie Alternative zur offiziellen Kazaa-Version. Am Wochenende wurden nun die offizielle Kazaa-Lite-Homepage geschlossen. Andere Download-Anbieter des Programms hatten schon früher aufgegeben, nachdem Sharman sie mit Abmahnungen wegen angeblicher Copyright-Verletzungen übersät hatte. Außerdem hatte die Firma bereits im Sommer erwirkt, dass Google zahlreiche Kazaa Lite-Seiten aus seinen Suchergebnissen aussortierte.

Doch die Abmahnungen gegen die ungenehme Kazaa-Version sind nicht der einzige Copyright-Kreuzzug, in den die Betreiber des Kazaa-Imperiums in diesen Tagen involviert sind. Sharmans Content-Partner Altnet schickte Anfang November Abmahnungen an eine Reihe von Firmen, die Tauschbörsennetze und ihre Nutzer im Auftrag der Musik- und Filmindustrie überwachen. Firmen wie Mediadefender und Overpeer warf man darin vor, mit dem Ausforschen von P2P-Nutzern und Verbreiten verfälschter Dateien Altnets Patentrechte zu verletzen. Altnet sicherte sich Ende 2002 die Rechte an zwei Patenten zur Identifizierung von Dateien in Computernetzwerken. Diese so genannten TrueNames-Patente beschreiben das eindeutige Identifizieren von Dateien über ihre Hash-Werte.

Offenbar setzt die Firma diese Patente jedoch nicht nur gegen P2P-Überwacher ein. Die Identifizierung von Dateien über ihre Hash-Prüfsummen ist eine in P2P-Netzen gebräuchliche Technik zum Verifizieren von Suchergebnissen. Altnet-Sprecher Robin Gore bestätigte dazu gegenüber heise online, dass man sich mit der Mehrheit der Tauschbörsen-Anbieter im Gespräch befinde, um sie zur Lizenzierung der Altnet-Patente zu bewegen. "Altnet unterscheidet sich nicht von anderen Firmen, die ihr Geschäft auf P2P aufbauen", betonte Gore. "Wir bitten sie nur darum, unsere Technologie beim Verfolgen ihrer Geschäftsziele nicht ohne unsere Genehmigung zu nutzen."

Brancheninsidern zufolge will Gores Firma mit den Patenten erzwingen, dass Tauschbörsen-Anbieter Altnets DRM-Modell adaptieren. Altnet vertreibt Musik und Filme in Microsofts Windows-Media-Format sowie Computerspiele über Kazaas Tausch-Programm. Kazaa-Nutzern präsentieren sich diese Dateien als Suchergebnisse mit goldenen Icons, die stets vor den regulären Tauschbörsen-Ergebnissen gelistet werden. Wer auf diese Inhalte zugreifen will, wird von Altnet zur Kasse gebeten. Im Oktober gab Metamachine als Betreiber der beiden Tauschbörsen Edonkey 2000 und Overnet bekannt, in Zukunft ebenfalls Altnet-Inhalte über seine Netze anbieten zu wollen. Ob diese Zusammenarbeit als Folge der Patent-Auseinandersetzungen entstand, wurde nicht bekannt.

Doch nicht jeder will sich auf eine Kooperation mit Altnet einlassen. Deutliche Kritik gab es in diesen Tagen vom ehemaligen Grokster-Chef Wayne Rosso. Der Musikindustrie-Veteran, der seit kurzem CEO des spanischen Blubster-Betreibers Optisoft ist, erklärte dazu diese Woche auf dem Branchenevent Music 2.0 in Los Angeles: "Sie versuchen, jedem Tauschbörsen-Netzwerk auf jegliche Weise Altnet aufzuzwingen, um damit de facto unser Business zu kontrollieren. Doch das wird ihnen nicht gelingen." Gegenüber heise online präzisierte Rosso seine Haltung: "Wir glauben nicht, dass Altnets Position rechtlich Bestand hat." Seine Firma habe nicht vor, sich auf irgend welche Lizenzierungsbedingungen einzulassen. Eine Integration des Altnet-Distributionsmodells in Blubster lehne er kategorisch ab.

Auch unter den anderen P2P-Betreibern mehren sich die kritischen Stimmen. So erklärte Brian O'Neal vom Morpheus-Betreiber Streamcast Networks, seine Firma habe keine Pläne, Technologie von Altnet zu lizenzieren. O'Neal bezeichnete Altnet gegenüber heise online als Wolf im Schafspelz. Freenet-Gründer Ian Clarke schließlich erklärte kürzlich auf Slashdot, Altnet wolle P2P zerstören und rief zum Widerstand gegen die Patent-Pläne der Firma auf.

Altnets Expansionspläne offenbaren sich nicht zufällig zeitgleich mit Sharmans Kreuzzug gegen Kazaa Lite. Die werbefreie Tauschbörsen-Version zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie ihren Nutzern die Anzeige der DRM-geschützten Altnet-Inhalte erspart. Allerdings gibt es durchaus auch berechtigte Argumente für das Vorgehen des Tauschbörsen-Anbieters gegen die Verbreitung des gecrackten Programms. Kazaa Lite ermöglicht eine beliebig weite Ausdehnung des individuellen Suchhorizonts, indem es jede Suchanfrage an eine unbegrenzte Anzahl von Supernodes weiterleitet -- eine zunehmende Netzauslastung ist dadurch unausweichlich. Außerdem umgeht Kazaa Lite den Partizipations-Level der Original-Software. Mit diesem will Sharman sicherstellen, dass Nutzer selbst Dateien zum Upload bereitstellen, anstatt sich nur eigennützig zu bedienen. "P2P ist keine Einbahnstraße", meint dazu Sharman-CTO Phil Morle. "Jeder dieser Hacks verringert das P2P-Erlebnis anderer." (Janko Röttgers) / (jk)