Technologische Souveränität: Bei Chips und Software geht es ums Ganze

Der VDE hat in einer Studie analysiert, was nötig wäre, um die vielbeschworene Souveränität in der Informations- und Kommunikationstechnik zu erreichen.

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(Bild: Pushish Images/Shutterstock.com)

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Digitale beziehungsweise technologische Souveränität ist seit der Debatte über Abhängigkeiten von ausländischen Konzernen wie Huawei oder Microsoft in vieler Munde, selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (beide CDU) propagieren dieses Konzept. Die Informationstechnische Gesellschaft (ITG) im Elektrotechnik-Verband VDE hat sich daher angeschaut, welche Voraussetzungen für "Erhalt oder (Wieder)-Erlangung" im "zentralen Technologiefeld" der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) des begehrten Zustands nötig wären.

Die Ergebnisse hat der VDE jetzt in einer Studie zur "Technologischen Souveränität" veröffentlicht, in denen er das Konzept an den zwei Beispielen Künstliche Intelligenz (KI) in den Bereichen Automatisierung sowie 5G als neue mobile Schlüsseltechnologie entlang der gesamten Wertschöpfungskette durchspielt und auf dieser Basis Anforderungen ableitet. Der Verband selbst spricht von "ernüchternden Ergebnissen", wonach Deutschland und die EU "massive Investitionen in Aus- und Weiterbildung" mit Ansätzen wie "digitalen Klassenzimmern" und Programmierkursen sowie in die Forschung tätigen müssten. Vor allem die Kompetenzen in Mikroelektronik und Software sollten ausgebaut werden.

"Vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Lage braucht Europa technologische Souveränität", konstatieren die Autoren. Darunter verstehen sie die Fähigkeit eines Staates oder einer Gesellschaft, "politische und gesellschaftliche Prioritäten umsetzen zu können, ohne dabei durch unzureichende oder fehlende Kontrolle über Technologien behindert zu werden". Sie sei von Autarkie und Fremdbestimmung abzugrenzen. Klima- und Umweltschutz, Digitalisierung im Sinne der sozialen Marktwirtschaft und Datenschutz seien Ziele, bei deren Umsetzung das Konzept eine entscheidende Rolle spiele.

Digitale Souveränität ordnet die ITG als Spezialfall ein, der "den Umgang mit Daten und ihrer Verarbeitung sowie ihre Kommunikation adressiert". Dieser sei in einen größeren Rahmen eingebettet, in den etwa wirtschaftspolitische Aspekte einflössen, wenn von "Wettbewerbsfähigkeit vertrauenswürdiger Hardware und Software" gesprochen werde. Weitere Blickwinkel seien Zukunftsfähigkeit, gesellschaftliche Akzeptanz, sicherheitspolitische Notwendigkeit und Nachhaltigkeit, die sich in den Domänen Wissen, Forschung und Entwicklung, Infrastruktur sowie Plattformarchitektur, Daten, Transparenz, Produktion, Betrieb und Medien niederschlügen.

Bei 5G konstatieren die Verfasser anhand dieser Kriterien, dass es aufgrund des Zukunftspotenzials der neuen Mobilfunkgeneration für viele Anwendungsbereiche erforderlich sei, Produkte für die zugehörige Infrastruktur selbst entwickeln zu können. Es sei aber unrealistisch, hier angefangen von den Chips alles zu fertigen, der Zukauf von Komponenten daher unumgänglich. Dabei müsse "der ausreichende Zugang zu den Netzelementen für den Aufbau der Netze und den 5G-Kommunikationskomponenten" in Endgeräten gewährleistet sein. Zugleich sei umfassendes technisches Wissen über das Gesamtsystem nötig.

(Bild: Informationstechnische Gesellschaft)

Auch bei KI in der Industrie 4.0 erlaubt es laut der ITG nur "die eigenständige Entwicklung von Produkten, spezifische Herausforderungen in der Anwendung" zu nutzen: "Das Finden eigener Lösungswege stärkt die Wettbewerbsfähigkeit." Zugleich erscheine es jedoch als ökonomisch sinnvoll, "auf verfügbare KI-Verfahren zum Lösen von Teilaufgaben zurückzugreifen".

Generell betonen die Autoren: "Da wir in der IKT die Komponenten überwiegend von internationalen Herstellern beziehen, müssen wir in der Lage sein, deren Vertrauenswürdigkeit selbst zu validieren und die Infrastrukturen umfassend selbst zu betreiben und zu warten." Insbesondere bei langlebigen Techniken müssten langfristig Ersatzteile verfügbar sein. Quellcode kritischer Geräte sollte etwa in einer Art "Escrow-Speicher" hinterlegt werden.

Im Bereich Software definierten schon Entwicklungswerkzeuge künftige Einsatzgebiete und erzeugten so "eine Abhängigkeit, die bis in die Anwendung reicht", heißt es in der Studie. Bei Android etwa lege Google "die Kernfunktionalitäten eines Android-Smartphones" fest. Entwicklungs- und Produktionssouveränität erforderten daher "ein hohes Maß an Eigenständigkeit in der Software-Entwicklung". Nur darüber ließen sich auch Sicherheitsinteressen wahren.

Hilfreich sind laut dem Papier "Open Source"-Communities. Diese könnten problematischen Entwicklungen entgegenwirken, wo Firmen dem Markt Technologien wie Android oder Algorithmen als "quasi offene Standards" zur Verfügung stellten. Der Entzug des Zugangs hierzu führe zu "substanziellen Einschränkungen der Handlungsfähigkeit", wie das Beispiel Google Apps bei Huawei zeige. Die Veröffentlichung des Quellcodes helfe zudem, Sicherheitslücken vorzubeugen und besser zu identifizieren.

"Ohne Mikroelektronik funktioniert kein System mehr", legen die Verfasser einen zweiten Schwerpunkt. Dies gelte vor allem im Internet der Dinge, in dem nahezu alle Geräte vernetzt seien. Um hier souverän agieren zu können, bedürfe es der Fähigkeiten, entsprechende Chips designen und "in nennenswertem Umfang bauen zu können", womit etwa schon der Zugang zu Rohstoffen verbunden sei. VDE-Präsident Gunther Kegel betont daher: "Eine wettbewerbsfähige Chip-Industrie in Europa ist unabdingbar." Bei der Mikroelektronik gehe es ums Ganze.

Die Forschungsförderung sieht die ITG vor der Herausforderung, "frühzeitig die wirklich branchenübergreifend relevanten Technologiefelder" zu identifizieren. Deutschland und die EU müssten ferner an der Definition internationaler Standards und Normen aktiver und koordinierter mitwirken. Nur dies gewährleiste, dass gewünschte Funktionsweisen in Geräten enthalten seien und man selbst diese sowie Infrastrukturen herstellen könne.

Als weitere Grundvoraussetzung nennen die Verfasser den Zugang zu Ressourcen. Bereits im Zuge von Handelskonflikten erhobene Zölle könnten den Zugang nicht nur zu Rohstoffen, sondern auch zu essenziellen Komponenten von Geräten erschweren. Gerade die IKT sei hier besonders empfindlich, da viele Bauteile international bezogen werden müssten. Zugleich sei der Sektor für sehr viele Branchen relevant und stelle für das gesamte öffentliche Leben eine kritische Infrastruktur dar. Dies betreffe neben Produkten wie Router, Speicher, Computer, Chips auch Softwarewerkzeuge, Algorithmen und Daten. (mho)