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Telekom-Chef Ron Sommer zurückgetreten [Update]

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Telekom-Chef Ron Sommer ist zurückgetreten. Das teilte er am Dienstag in Bonn mit. Das Vertrauensverhältnis zum Aufsichtsrat sei gestört, sagte Sommer zur Begründung. Er wolle mit seinem Rücktritt weiteren Schaden vom Unternehmen abwenden. Eine Entscheidung über einen Nachfolger sei noch nicht gefallen. Die Aufsichtsratssitzung, die am heutigen Dienstag angesichts des Gerangels um den Telekom-Chef anberaumt wurde, solle fortgesetzt werden.

"Wenn ein Vorstandsvorsitzender nicht das volle Vertrauen des Aufsichtsrates hat, ist ein Rücktritt der einzige Schritt", sagte Sommer. "Mit meinem Rücktritt möchte ich nun zumindest den Teil der Debatte beenden, der mit meiner Person zu tun hat." Daher habe er diesem Gremium bei der Sitzung am Mittag seine Entscheidung mitgeteilt. Der Rücktritt sei der einzig mögliche Schritt gewesen. "Ich möchte damit einen Beitrag leisten, noch mehr Schaden vom Unternehmen abzuwenden", sagte Sommer. "Trotz der Turbulenzen der vergangenen Tage werde ich mit einem subjektiven Gefühl der Zufriedenheit auf meine Vorstandstätigkeit zurückblicken." Er hob die Erfolge seiner Amtszeit wie die Verbesserung der operativen Geschäfte hervor.

Die Telekom-Aktie reagierte in den ersten Minuten mit einem kurzfristigen rapiden Kursanstieg, fiel jedoch anschließend wieder auf auf 11,19 Euro zurück - dieses Plus in Höhe von 8,6 Prozent entspricht in etwa dem Stand vor dem Rücktritt. Kurz nach 18 Uhr stand die Aktie dann noch mit 4,85 Prozent im Plus bei 10,80 Euro.

Vom Wunder- zum Prügelknaben

Ron Sommer hat in sieben Jahren an der Spitze der Deutschen Telekom den Weg vom Hoffnungsträger zum Buhmann durchgemacht. Nach dem dramatischen Kursverfall der T-Aktie wurde der 54-jährige Manager zum Prügelknaben der enttäuschten Kleinaktionäre. Die internationale Expansion und der Erwerb von UMTS-Lizenzen kosteten die Telekom Milliardenbeträge. Der Schuldenberg wuchs auf 67 Milliarden Euro und die T-Aktie fiel und fiel. Dabei hatte sich Sommer selbst stets als Anwalt der Aktionäre gesehen. Nicht für den Spekulanten, sondern für den langfristigen Anleger arbeiten, lautete seine Devise. Die Geldanlage in T-Aktien sei eine sichere Investition fürs Alter, pries der Topmanager einst die beliebte Volksaktie. Doch dann kam die Wende: Die Telekom-Branche geriet in einen Abwärtsstrudel.

Der Zorn der Kleinaktionäre über den Niedergang der T-Aktie, über eine Aufstockung der Managergehälter bei tiefroten Zahlen und eine angebliche falsche Geschäftsstrategie entlud sich zuletzt auf der Hauptversammlung Ende Mai. Auch wenn es Konkurrenzunternehmen nicht besser geht, Telekom-Chef Sommer wurde zum Buhmann für das Schlamassel der gesamten Branche.

Im Zentrum der Kritik stehen kostspielige Übernahmen wie die des US-Mobilfunkbetreibers VoiceStream und der Erwerb sündhaft teurer UMTS-Lizenzen in Deutschland und Großbritannien. Werden sich diese Investitionen überhaupt einmal rechnen, fragen Skeptiker. Auch die gescheiterte Ehe mit der Telecom Italia 1999 und die Affäre um die angebliche Falschbewertung von Immobilien wurden Sommer angekreidet. Der Telekom-Chef sei ein Kapitalvernichter erster Güte, schimpfen Aktionärsschützer. Von ihrem Höchststand bis heute hat die T-Aktie mehr als 90 Prozent an Wert verloren. Dabei hat der promovierte Mathematiker, der sein Privatleben stets aus der Öffentlichkeit heraushielt, keineswegs einen schlechten Job gemacht. Der stets braun gebrannte Manager verstand es glänzend, die Telekom in der Öffentlichkeit zu verkaufen. Kritik schien an ihm abzuprallen.

Geboren wurde Sommer 1949 in Israel, wo er sieben Jahre lebte. Ende der 50er Jahre heiratete seine Mutter einen Österreicher. Mutter, Sohn und Stiefvater zogen in die Alpenrepublik. In Wien studierte Sommer Mathematik und erwarb mit dem Thema "Grenzwertsätze über die Entropie zahlentheoretischer Transformationen" mit 21 Jahren seinen Doktortitel. Seine berufliche Laufbahn startete er in der Elektronikindustrie, zunächst bei Nixdorf in Paderborn, 1993 wurde er Europa-Präsident von Sony. Als er dann 1995 bei der Deutschen Telekom AG einen Fünfjahresvertrag unterschrieb, wartete eine Mammutaufgabe auf ihn. Es galt, den behäbigen Staatskoloss in die Privatwirtschaft und später an die Börse zu führen.

Den Abbau von zehntausenden von Arbeitsplätzen brachte Sommer fast geräuschlos über die Bühne. Mit der Öffnung des Telekom-Marktes 1998 kam eine weitere Herausforderung auf den Telekom-Chef zu. Die neuen Wettbewerber warfen dem Ex-Monopolisten immer wieder vor, er bremse sie mit unfairen Mitteln aus. Doch Sommer konterte: Die Konkurrenten wollten "mit einer Sänfte in den Wettbewerb getragen werden". Richtig bekannt wurde Sommer mit dem Börsengang 1996: In einer zuvor nie gekannten Kampagne rührte er die Werbetrommel für die T-Aktie. An der Börse kannte das Papier zunächst nur die Richtung: nach oben. Erst langsam, dann immer schneller. Die Gier an den Finanzmärkten nach kurzfristigem Profit breitete sich aus wie eine Seuche und infizierte auch Kleinanleger. Doch dem Schwindel erregenden Aufstieg folgte ein tiefer Fall.

Sommer hatte den T-Aktionären zu viel versprochen. Warnende Worte waren erst zu hören, als es schon zu spät war: "Die Börse ist keine Einbahnstraße". Von ihrem Höchststand (fast 104 Euro) Anfang 2000 stürzte die T-Aktie tief unter ihren Ausgabekurs (14,57 Euro). Und der Schuldige für das Debakel war schnell gefunden: Ron Sommer.

Chronologie: Die Stationen der Ära Sommer

Ron Sommer wurde vor sieben Jahren Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom. Von Beginn an betrieb er den Umbau des ehemaligen Staatsunternehmens zu einem der führenden internationalen Telekom-Konzerne mit Milliarden-teuren Zukäufen und dem Abbau von mehr als 100 000 Arbeitsplätzen. Die wichtigsten Stationen im einzelnen:

Mai 1995: Ron Sommer wird zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom AG ernannt.

Februar 1996: Das Gemeinschaftsunternehmen Global One mit Sprint und France Télécom geht an den Start. Es ist die erste große strategische Allianz der Telekom.

November 1996: Die Telekom geht an die Börse. Millionen von Kleinanlegern erwerben erstmals Anteilsscheine an einem Unternehmen. Die T-Aktie wird als «Volksaktie» zum Synonym für die neue Aktienkultur in Deutschland.

Januar 1998: Das Telefon-Monopol fällt. Der Bonner Ex-Monopolist bekommt Konkurrenz. Die Telefonpreise purzeln. Sommer selbst kündigt eine «Preisfeuerwerk» an, um Marktanteile zu halten.

Juli 1998: Die Europäische Union fordert die Telekom auf, ihre Mehrheit an den TV-Kabelnetzen zu verkaufen.

Mai 1999: Sommers bislang größter Coup misslingt: die Übernahme von Telecom Italia. Wegen der geplanten Fusion zerbricht auch das Joint Venture Global One mit France Télécom, da sich die Franzosen hintergangen fühlen.

Juni 1999: Die Telekom platziert eine zweite Aktientranche und streicht 10,6 Milliarden Euro ein.

August 1999: Erstmals gelingt Sommer eine bedeutend Akquisition im Ausland: Für 10,2 Milliarden Euro übernimmt die Telekom die britische Mobilfunkfirma One2One.

Januar 2000: Sommer kündigt den Börsengang der Tochterfirma T-Online an, der knapp drei Monate später stattfindet.

März 2000: Der Kurs der T-Aktie klettert erstmals über 100 Euro und erreicht am 6. März den Höchststand von 103,40 Euro.

März 2000: Von DaimlerChrysler übernimmt die Telekom die Mehrheit an Debis Systemhaus.

Juni 2000: Beim dritten Börsengang der Telekom trennt sich der Bund erstmals von T-Aktien.

Juli 2000: Sommer kündigt die Übernahme des US-Mobilfunkbetreibers VoiceStream an. Für den Konzern zahlt die Telekom zum größten Teil in Aktien mehr als 35 Milliarden Euro.

August 2000: Die Telekom erwirbt für mehr als 8 Milliarden Euro eine UMTS-Mobilfunklizenz. Sommer handelt sich den Vorwurf ein, die Preise unnötig in die Höhe getrieben zu haben, um andere Bewerber aus dem Rennen zu werfen.

Februar 2001: Eine Wertberichtigung von Immobilien um rund zwei Milliarden Euro stürzt die Telekom in eine tiefe Krise. Sommer gerät heftig unter Beschuss. Der Ruf nach Entlassung des Telekom-Chefs wird lauter: Erstmals wird Technikvorstand Gerd Tenzer als möglicher Nachfolger genannt.

September 2001: Die T-Aktie fällt erstmals unter den Ausgabepreis von 14,57 Euro.

Februar 2002: Der Vertrag mit dem US-Medienkonzern Liberty Media über den Verkauf der TV-Kabelnetze für 5,5 Milliarden Euro wird vom Kartellamt untersagt. Die Telekom braucht das Geld für den Abbau des Schuldenbergs von mehr als 60 Milliarden Euro.

März 2002: Erstmals weist die Telekom für ein Geschäftsjahr (2001) tiefrote Zahlen aus. Der Verlust beläuft sich auf 3,5 Milliarden Euro.

Juni 2002: Die Telekom-Aktie streift das Allzeittief von 8,14 Euro. (Peter Lessmann, dpa) / (Peter Lessmann, dpa) / (jk)

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