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Telekom-Wettbewerber fordern Masterplan für Gigabit-Glasfasernetz

Alle Beteiligten müssten sich endlich zusammensetzen und in einem fairen Miteinander eine neue Strategie für den Breitbandausbau entwickeln, betont VATM-Präsident Martin Witt. Die Regierung will aber wohl die Wahlen 2017 abwarten.

Glasfaser

"Wir benötigen leistungsfähige Gigabit-Infrastrukturen auf Glasfaserbasis nicht nur in Ballungsgebieten, sondern auch auf dem ländlichen Raum", erklärte Martin Witt, Präsident des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), am Montag bei einer Podiumsdiskussion des Zusammenschlusses der Herausforderer der Deutschen Telekom in Berlin. "Wir reden sehr viel, aber leider nicht an einem Tisch", beklagte er. Der 1&1-Chef appellierte an alle Beteiligten, sich "zusammenzusetzen und einen Masterplan zu entwickeln". Nötig sei ein "faires Miteinander".

"Wir müssen deutlich weiter denken als an die Breitbandziele der Bundesregierung für 2018", unterstrich Witt. 50 MBit/s reichten nicht angesichts von Treiben wie "E-Health, 8K-Fernsehen und Industrie 4.0" sowie generell "exponentiell" wachsender Datenmengen. Ein "weitgehendes Vectoring-Monopol der Telekom im Nahbereich" werde nicht weiterhelfen, kritisierte er die einschlägige Entscheidung der Bundesnetzagentur, gegen die Brüssel zurecht "große Bedenken" angemeldet habe.

Die Bundesregierung fokussiere sich zu stark auf VDSL und den Kupferkabel-Turbo Vectoring, kritisierte Iris Henseler-Unger, Direktorin des Wissenschaftlichen Instituts für Informations- und Kommunikationsdienste GmbH (WIK) anhand einer neuen Studie. Es gebe heute schon in einzelnen Segmenten Nachfrage für Glasfaser, Angebote würden mit Raten von rund 50 Prozent vom Markt angenommen. Der Bedarf werde in der Zukunft signifikant anwachsen – ähnlich wie in Südkorea, Japan oder Singapur. Bis 2025 bräuchten hierzulande 30 Prozent der Haushalte 1 GBit/s und mehr, 46 Prozent zwischen 500 MBit/s und 1 GBit/s.

Der Investitionsbedarf für den Glasfaserausbau liege inzwischen bei 45 statt der noch vor einigen Jahren geschätzten 80 Milliarden Euro, der Subventionsbedarf bei etwa zehn Milliarden, führte die frühere Vizechefin der Bundesnetzagentur aus. Wenn die Betreiber neue Verlegungsmethoden einsetzten oder Leerrohre mitnutzen könnten, was der Bundestag in dieser Woche erleichtern will, ließen sich die Kosten um etwa zehn Prozent senken. Eine Geldquelle könne es sein, die Telekom-Anteile des Bundes zu verkaufen.

Henseler-Unger gab damit Wasser auf die Mühlen von Tabea Rößner MdB, Sprecherin für Digitale Infrastruktur der Bundestagsfraktion der Grünen, die einen solchen Antrag ins Parlament eingebracht hat. "Das Ziel 2018 verhindert den Glasfaserausbau", rügte die Oppositionspolitikerin. "Wir brauchen ganz andere Signale, müssen den Schalter im Kopf umlegen."

"Wenn Sie von 2 MBit/s kommen in unseren ländlichen Regionen, sind 50 MBit/s ein enormer Schritt", meinte dagegen Mecklenburg-Vorpommerns Infrastrukturminister Christian Pegel. Derzeit nennen "die Touristiker" vor Ort die "schlechte Breitbandversorgung als häufigsten Abreisegrund". Es sei aber wichtig, auch von der 2018-Marke "möglichst viel mit Glasfaser hinzubekommen".

Hier bringe das Land die Vectoring-2-Entscheidung der Regulierungsbehörde "in Schwulitäten", da sich damit die Kalkulationsgrundlagen für Glasfaser änderten, meinte der SPD-Politiker. Stadtwerke kämen in dem nordöstlichen Bundesland gerade nach einem Jahr "Mund-zu-Mund-Beatmung" mit eigenen einschlägigen Projekten in den Markt, fühlten sich jetzt aber vor den Kopf gestoßen.

50 MBit/s seien das erreichbare Kurzfristziel, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel habe mit seiner Gigabit-Glasfaserstrategie bis 2025 aber "zum Nachdenken anregen" wollen, berichtete Stefan Schnorr, Leiter der Abteilung "Digital- und Innovationspolitik" im Hause des SPD-Politikers. Kleine und mittlere Unternehmen sagten dem Ressort immer wieder: "Wir brauchen Glas." Die Regierung werde aber sicher nicht nächste Woche ein neues Ziel beschließen, sondern vermutlich erst "im Rahmen der nächsten Koalitionsverhandlungen" nach der Bundestagswahl im Herbst 2017. Der Subventionsbedarf sei dann vermutlich nicht das große Problem, zumal die nächste UMTS-Frequenzversteigerung voraussichtlich 2018 anstehe.

Politik und Wirtschaft untersuchten gerade in einer weiteren Gigabitstudie, "wo wir hinmüssen", konstatierte Tobias Miethaner, Leiter der Abteilung "Digitale Gesellschaft" im Bundesverkehrsministerium. Die Regierung habe mit dem aktuellen Ausbaugesetz bereits eine "klare Glasfaserstrategie". Die bisherige Förderrunde habe sich auch nicht als "Kupferausbauprojekt" erwiesen, die Mehrzahl der Bescheide weise in die Richtung Glas. (Stefan Krempl) / (kbe)

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