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Telekom streicht alle Drossel-Klauseln – und versucht eine Charme-Offensive

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Die Deutsche Telekom äußert sich nun erstmals selbst zum Gerichtsurteil des Landgerichts Köln vom Ende Oktober, das ihr die Geschwindigkeitsbegrenzung bei Pauschal-Tarifen (Flatrate) für ihre Festnetzanschlüsse untersagt. Große Chancen auf einen Sieg in der Berufung hat das Unternehmen anscheinend nicht gesehen. Was jedoch im hauseigenen Blog zu lesen ist, fängt harmlos an und steigert sich zu einer unerwarteten Charme-Offensive. Die Telekom wolle, so heißt es zu Beginn, nicht stur sagen, "das machen doch alle in der Branche so", sondern die Kommunikation mit den "Kunden grundsätzlich besser machen".

Was genau dahinter steckt, wollen Deutschlandchef Niek Jan van Damme und Marketing-Geschäftsführer Michael Hagspihl erläutern. Update: Eine erste Einlassung dazu gaben van Damme und Hagspihl am gestrigen Montag in einem Conference Call. Im aktuellen Blog-Eintrag heisst es, die Telekom habe das Urteil zum Anlass genommen, über die Tarife und die Kundenkommunikation grundsätzlich nachzudenken und einige Weichen neu zu stellen. "Wir werden unsere Produkte und unsere Kommunikation in Zukunft transparenter und einfacher machen. Und wir wollen die Kunden bei der Gestaltung unserer künftigen Tarife stärker einbeziehen."

Das sind Töne, die man vom ehemaligen Staatsunternehmen nicht kennt. Was die Telekom genau meint, bleibt zwar stellenweise diffus, aber immerhin eines ist klar: "Für alle Kunden, die bereits Festnetz-Verträge mit einer Volumeneinschränkung gebucht haben, gilt: Sie können das Internet auch weiterhin ohne Beschränkung nutzen." Die entsprechende Volumen-Klausel in den Tarifen wird nicht angewendet, Kunden müssen dafür nichts unternehmen. Ab dem 5. Dezember 2013 soll die Klausel aus allen Festnetztarifen ersatzlos gestrichen werden. Schriftliche Mitteilungen an die Kunden sollen folgen.

Aber es geht noch weiter: Die Firma möchte, dass ihre Kunden verstehen, was sie von ihren Tarifen erwarten können, die Transparenzrichtlinie will sie auch auf das Mobilfunkportfolio anwenden. An Details arbeitet das Unternehmen noch.

Was dabei herauskommen könnte, klingt zunächst interessant: In Zusammenarbeit mit der gesamten Branche solle ein Online-Portal entstehen, in dem Kunden die unterschiedlichen Qualitäten der Anbieter vergleichen können. Für das Festnetz und die Mobilfunknetze werde es Tools zur Geschwindigkeitsmessung geben. Dafür hat die Telekom der Bundesnetzagentur Anfang September konkrete Vorschläge unterbreitet. Wann mit dem Portal zu rechnen ist, wer teilnimmt, wer es finanziert, das alles sind noch offene Fragen.

Die Telekom selbst will darüber hinaus an den Festnetztarifen schrauben. Was genau gemeint ist, bleibt zunächst unklar. Vielsagend heißt es nur: Man wolle "die Bandbreitenkorridore enger fassen". Zusätzlich sollen Kunden bei Vertragsabschluss ein Informationsblatt erhalten, aus dem die verfügbaren Geschwindigkeiten hervorgehen. Die ungeliebten "bis zu-Angaben" bleiben aber aus technischen Gründen erhalten, weil die Geschwindigkeit an jedem Anschluss maßgeblich von der jeweiligen Länge des Kupferkabels abhängt.

Mit ihrem Breitbandausbau will die Telekom aber dafür sorgen, "dass für viele Kunden große Teile der Kupferstrecken durch Glasfaser ersetzt werden, was deutlich höhere Geschwindigkeiten ermöglicht". Hier meint das Unternehmen offensichtlich seinen VDSL- und VDSL-Vectoring-Ausbau, der darauf gründet, dass die jeweils wenige Hundert Meter von den Teilnehmern entfernten Kabelverzweiger per Glasfaser an das Kernnetz angebunden werden (Fiber-to-the-Curb, FTTC). Glasfaseranschlüsse bis zum Haus sind damit leider nach wie vor nicht gemeint (Fiber-to-the-Home, FTTH).

Eine gute Botschaft und viele offene Fragen: Michael Hagspihl, Marketingchef der Telekom, im hauseigenen Interview.

Was tatsächlich kommen könnte, deutet die Firma wiederum nur an: Sie will künftig "stärker auf die unterschiedlichen Anforderungen und Wünsche der Kunden eingehen" und dafür neben den Flatrates im Festnetz auch "günstigere" Volumentarife anbieten. "Wer eine echte Flatrate will, bekommt mehr Leistung und wird dafür auch bereit sein, mehr zu bezahlen". Die schönen Absichtsbekundungen verpuffen aber spätestens, als die Telekom erstmals von einer "Tarifdifferenzierung" spricht. Im Klartext: Die Telekom wird ihr Tarifangebot ausweiten. Kunden verstehen unter "Transparenz" vermutlich eher weniger Tarife und Klauseln als mehr.

Zur Begründung führt das Unternehmen an, dass das weltweite Datenvolumen laut Prognosen weiter drastisch steigen wird, daher die Netze weiter ausgebaut werden müssten und "als Unternehmen brauche die Telekom eine Chance, diese Investitionen zurückzuverdienen". Offenbar soll hier der Eindruck entstehen, dass das "Zurückverdienen" nur mit mehr Tarifen klappt.

Tatsächlich kann man aber erwarten, dass echte Flatrate-Tarife für die meisten so teuer werden, dass sie sie nicht mehr haben wollen. Damit gäbe es die DSL-Drossel weiterhin, nur hieße sie nicht mehr so. Die Abrechnungsprobleme der Teilnehmer, die dann zu den Volumentarifen greifen, sind auch schon absehbar: Sie werden dann ihr Übertragungsvolumen vermutlich genau verfolgen müssen, weil bei Überschreiten der Volumengrenzen vermutlich teure Nachzahlungen fällig werden.

Wie schwierig, zeitraubend und lästig es sein kann, gegen das Überschreiten der Volumengrenzen anzugehen, davon erzählen zahlreiche Forumseinträge von Teilnehmern, die beispielsweise mangels DSL-Angebot Satelliten-gestützte Anschlüsse nutzen müssen. Angesichts der nicht vorhersagbar veröffentlichten System- und Anwendungs-Updates, die oftmals kritische Sicherheitslücken schließen, ist das eine unangenehme Aufgabe. Abrechnungsungewissheiten und teils happige Nachzahlungen für den Internet-Zugang gab es freilich schon – zu ISDN-Zeiten. Immerhin eine gute Botschaft bleibt: "Wer bei der Telekom im Festnetz einen Flatrate-Tarif gebucht hat, der wird auch über 2016 hinaus uneingeschränkt surfen können", sagte Michael Hagspihl, Marketingchef der Telekom im Interview. (dz)