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"Telekomgate": Wer hat was gewusst?

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Für die Deutsche Telekom entwickelt sich die Affäre um die Bespitzelung von Managern und Journalisten immer mehr zu einem Supergau. Auch wenn die Bonner Staatsanwaltschaft den aktiven Vorstand und Konzernchef René Obermann aus der Schusslinie nahm, bleibt die ganze Dimension des Vorgangs undurchsichtig. Waren es nur die Jahre 2005 und 2006, in welchen der größte europäische Telekommunikationskonzern Verbindungsdaten missbräuchlich nutzte, um Informanten aus dem Konzern auf die Schliche zu kommen? In welchem Ausmaß wurde gesetzeswidrig in Verbindungsdaten geschnüffelt, und wer erteilte die Aufträge?

"Je länger die Aufklärung dauert, umso größer wird der Schaden für das Telekom-Geschäft sein", befürchtet Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Obermann habe nichts zu verbergen, heißt es bei der Telekom, auch wenn er schon Mitte 2007 es von einem Fall des Datenmissbrauchs wusste. Und doch steht der 45-jährige Manager vor Erklärungsnöten: Denn den Schritt in die Öffentlichkeit ging der Telekom-Chef erst, als das Nachrichtenmagazin Der Spiegel am vergangenen Wochenende den massiven Datenmissbrauch bei der Telekom ans Licht brachte.

Obermann habe seinerzeit sofort reagiert, den Bereich der Konzernsicherheit umgebaut und den zuständigen Leiter entlassen, heißt es bei der Telekom zur Entschuldigung. Doch der Fall blieb zunächst unter dem Teppich. Die Telekom habe angesichts eines Streiks vor einer Zerreißprobe gestanden, begründet ein Sprecher die Zurückhaltung. "Deshalb haben wir davon Abstand genommen, den Einzelfall an die Öffentlichkeit zu bringen", sagt Philipp Schindera.

Aber zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Denn die Ereignisse überstürzten sich: Am Donnerstag bekam die Telekom Besuch von 50 Beamten der Staatsanwaltschaft und des Bundeskriminalamtes. Die Behörde nahm Ermittlungen gegen frühere Telekom-Manager und Verantwortliche auf. Nicht davon betroffen: der derzeitige Vorstand und Konzernchef Obermann, der wenige Tage vor der Hauptversammlung des Unternehmens mit einer Strafanzeige die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen hatte.

Die Affäre bleibt ein riesiges Puzzle. Namen werden genannt, mögliche Strippenzieher, Verantwortliche, Ausführende und Betroffene. "Was war eigentlich der Mehrwert dieser Aktion?", fragt ein Manager des Unternehmens und schüttelt verständnislos den Kopf. Die Telekom steht ohnehin im Inland durch einen scharfen Wettbewerb mit dem Rücken zur Wand. Und jetzt dieser Image- und Vertrauensverlust.

Schnell zeigen die Finger auf den damaligen Konzernchef Kai-Uwe Ricke und den früheren Aufsichtsratsvorsitzenden, Klaus Zumwinkel. Gegen beide ermittelt die Staatsanwaltschaft ebenso wie gegen sechs weitere ehemalige Telekom-Manager.

Doch die Beschuldigten weisen alle Vorwürfe zurück. Klar ist jedenfalls, dass dem damaligen Vorstand und Aufsichtsrat das Ausplaudern von Interna in den Medien zunehmend gegen den Strich ging. "Die Telekom war wie ein Schweizer Käse", umschreibt ein Ex- Manager das Bonner Unternehmen in der damaligen Zeit. Die Informationslöcher sollten gestopft werden. Welche Aufträge von wem erteilt wurden, das will die Staatsanwaltschaft jetzt herausfinden.

"Alleine schon um die Anweisung der finanziellen Mittel zu veranlassen, hätte es jemanden aus dem Bereich bedurft", sagt ein mit den Vorgängen vertrauter Telekom-Mitarbeiter. Er schloss nicht aus, dass auch Konzernchef Obermann, dem der Aufsichtsrat am Mittwoch den Rücken gestärkt hatte, über die Bespitzelung von Aufsichtsräten, Managern und Journalisten informiert gewesen ist. "Immerhin waren Ricke und Obermann enge Freunde".

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(Peter Lessmann, dpa) / (vbr)