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TeraStream und die Zukunft des Internet: Neues Netz für alte Carrier

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Im Feldversuch in Kroatien läuft TeraStream schon – Telekoms Netz der Zukunft. Einfacher, klarer strukturiert und leichter zu managen soll das vom schwedischen Netzwerkexperten Peter Löthberg im Auftrag der Deutschen Telekom entworfene Netz sein. Beifall von Seite der Experten gab es viel, trotzdem war man beim deutschen Netzriesen vorsichtig mit öffentlichen Aussagen. Auf der grünen Wiese könnte man TeraStream gut umsetzen, in einem historisch gewachsenen Netz muss vieles angefasst werden. Axel Clauberg, Vice President Aggregation, Transport, IP bei der Deutschen Telekom, erklärt, warum es ohne ein neues Netz zum Ende des Jahrzehnts nicht mehr geht.

Ein viel einfacheres Kernnetz, weniger Protokolle und weniger Middle-Boxen und IPv6 als Standardprotokoll und eine direkte Verknüpfung von IP und optischem Layer, was war für Sie die größte Neuerung von TeraStream?

Axel Clauberg: Die Vereinfachung allein ist ein gewaltiger Schritt für einen großen Netzbetreiber. Normalerweise wurde bei innovativen Zyklen dem Netz bislang immer etwas hinzugefügt und nicht etwas heraus genommen. Bei TeraStream wird enorm vereinfacht. Durch den Einsatz von IPv6-only ist man überdies in der Lage, die Vorteile des neuen IP-Protokolls voll zu nutzen, um Dienste differenzieren zu können.

Über die Integration von Optic und IP-Layer, darüber hat man schon viele Jahre gesprochen, bei TeraStream haben wir diese Überlegungen mal umgesetzt. Noch einmal, das Gesamtwerk, die drastische Vereinfachung, die Einbettung einer Infrastruktur-Cloud in Rechenzentren und die neue Steuerung des Netzes, das ist die Neuerung. Dabei ist es wichtig zu sagen, dass wir das wirklich noch nicht morgen in Betrieb nehmen wollen, sondern es ist ein Entwurf, wie man IP-Netz in der Zukunft betreiben soll.

IP-Netz 2020? Das war ja wohl auch die Design-Aufgabe für Peter Löthberg...

Je nachdem, wer in die Glaskugel schaut, kommen unterschiedliche Zahlen raus -- aber sicher sind sich alle, dass der IP-Verkehr innerhalb der nächsten Jahre stark zunehmen wird. Ein aktuelles Netz wäre damit überfordert, sodass die Telekom nach Wegen sucht, den kommenden Ansprüchen gerecht zu werden.

Clauberg: Unter dem Aspekt eines weiter exponentiell wachsenden Verkehrswachstsums bei gleichbleibenden Erlösen muss man sich langfristig anders aufstellen. Die jetzige Netzarchitektur trägt uns auf Jahre hinaus noch wunderbar. Aber gegen Ende des Jahrzehntes sollte man vorbereitet sein für einen Umbau der Netze – und solch einen Umbau macht man nicht über Nacht.

Ein IPv6-only Netz könnte derzeit noch zu früh kommen, sagen manche Beobachter, ist das 2020 dann kein Problem mehr?

Clauberg: Die Implementierungen sind da eigentlich schon sehr reif. Wir haben heute ja schon ein Dual Stack-Netz und unsere neuen Call- and Surf-Kunden können IPv6 und IPv4 nutzen. Schon jetzt hat der IPv6-Verkehr erheblich zugenommen. Der wesentliche Schritt bei TeraStream ist nur noch, dass wir IPv4 weglassen. Der Umbau zu IPv6 ist ein allmählicher Prozess. Es fehlen auch immer noch hier und da Bestandteile, etwa bei Routern, egal ob Cisco, Juniper oder Alcatel.

Für die Integration von optischem Layer und IP-Layer haben Cisco und Alcatel Hardware für den Feldversuch eigens angepasst, richtig?

Clauberg: Mit der heute verfügbaren kohärenten Technik ist die Integration schon möglich und man muss sich nicht mehr um die Dispersion kümmern. Das optische Netz wird einfacher, man kann auf Filter und Spiegel verzichten, die eigens justiert werden müssen. Seit Jahren ist man da in der Standardisierung jedoch nicht vorangekommen. Hersteller lieferten sich da lange Grabenkämpfe, vor allem, um die Reichweite des Signals bei Forward Error Correction. Vergangene Woche, beim Treffen der zuständigen Arbeitsgruppe der International Telecommunication Union in Nürnberg, gab es nun endlich eine Bewegung.

Wegen des Terastream-Feldtests?

Clauberg: Zumindest hat das ein wenig dazu beigetragen. Die Entwicklung ist wegen der kommenden 100-Gigabit-Technik wichtig. Wir erwarten da einen Preisverfall. Derzeit sind die Router noch sehr teuer, aber mit der vereinfachten Optik können wir dann ein 100-Gigabit-Netz preiswerter anbieten als ein 10-Gigabit-Netz heute. Cisco und Alcatel haben beim Feldversuch mitgezogen, weil sie auch an diese Entwicklung glauben.

Die Kommentare von Netzwerkexperten zu TeraStream sind insgesamt sehr positiv, der Feldtest in Kroation scheint geglückt. Beobachter sagen aber auch, dass sich eine solche entscheidende Veränderung besser auf der grünen Wiese als in einem historisch gewachsenen großen Netz wie dem der Telekom hierzulande umsetzen lässt. Was macht das so schwierig?

Clauberg: TeraStream ist noch work in progress. Bei der Optik haben jetzt beispielsweise zwei Hersteller mitgemacht. Wir haben in unserem Netz aber weitere Hersteller, die auf einen Standard warten. Denn niemand will in der laufenden Produktion nachbessern, wenn sich im Standard wieder ein Bit verändert. Die Telekom will auch unter Kostengesichtspunkten den richtigen Zeitpunkt für einen solchen Umbau abwarten. Noch ist das Verkehrsvolumen nicht so hoch und die 100-Gigabit-Technik ist aktuell noch teuer. Außerdem, wenn ich alle Bereiche des Netzes anfasse, dann gibt es ein erhebliches Fehlerpotenzial.

Aber wie ist dann der Umstieg vom alten aufs neue Netz möglich?

Clauberg: Wir investieren in Deutschland einiges ins Netz und wollen Betrieben und Nutzern weiter ein gutes Netz anbieten. TeraStream ist im Einklang mit der Gesamtstrategie. Ganz sicher schmeißt man in einem bestehenden Netz nicht über Nacht alles über Bord. Wenn der Bandbreitenbedarf aber weiter so wächst oder der Bedarf sogar noch zunimmt, wird man, um das Wachstum hinzubekommen, umbauen müssen. Langfristig ist das unumgänglich, wir planen jetzt fürs Ende des Jahrzehnts.

Am liebsten würde ihr Netzwerkdesigner dann gleich im Heimnetz genauso transparent routen wie im Gesamtnetz, ist das denkbar?

Clauberg: Generell macht man sich in der Homenet-Arbeitsgruppe der Internet Engineering Task Force Gedanken, wie die Zukunft im "home" aussieht. Das "Homenet" wird künftig deutlich komplexer, Dienste wie E-Health oder Smart Grid kommen dazu und vielleicht wird man irgendwann dazu kommen, die Möglichkeiten von IPv6 dafür zu nutzen, geroutete Netz zu Hause zu haben.

Das ist aber noch Zukunftsmusik?

Gedankenspiele: So vollgestopft mit Netzwerk-fähigen Geräten dürfte ein künftiges Heim sein. IPv4 kommt darin nicht mehr vor; die Telekom richtet sich darauf ein, dass die gesamte Vernetzung und das Routing nur noch über IPv6 über ein zusätzliches, internes Gateway ablaufen.

Clauberg: Zu Hause ist halt niemand, der BGP versteht. Daher setzt man stark auf die einfache, automatische Konfiguration und natürlich auf Ausfallsicherheit. DHCP ist das Standardprotokoll dafür. Ist es unbedingt das einfachste Protokoll oder nicht? Da gibt es Kontroversen und man darf ruhig die Frage stellen, geht es nicht auch einfacher? In welche Richtung die IETF und die Homenet-Arbeitsgruppe geht, in der wir mitarbeiten, muss man abwarten. Peter Löthberg ist sicherlich jemand, der das Prinzip Einfachheit immer hervorgehoben hat, aber vorerst nutzen wir im Feldtest auch DHCP.

Auf der anderen Seite des vereinfachten Kernnetzes liegen die Rechenzentren, aus denen die Dienste der Telekom-Cloud kommen. Eine Frage ist, inwieweit die Entschlackung des Kernnetzes dazu führt, dass Transport und Inhalt klarer getrennt werden. Würde das nicht Telekom-Plänen widersprechen, an Mehrwertdiensten und Inhalten mitzuverdienen?

Clauberg: Nein. Wenn ich in den TeraStream-Rechenzentren Netzwerke habe, in denen Content produziert und über das Kernnetz von den Nutzern abgefragt wird, ist da doch kein Widerspruch. Ein Dienst wie Google Cache funktioniert nicht anders.

Wie geht es weiter mit TeraStream? Wo wird es als nächstes eingesetzt?

Clauberg: Wir entwickeln die Architektur weiter, und auch die vollständige Steuerung des Netzes über das OSS-Gateway. Da ist noch ziemlich viel Arbeit zu leisten. In Split (Kroatien) sollen zusätzlich einige hundert Kunden gewonnen werden. Derzeit haben wir rund 500 im Testnetz. Im nächsten Schritt müssen wir dann auch die Migration testen: Wie bekomme ich Kunden aus dem bestehenden Netz hinüber ins neue Netz? Es ist noch nicht entschieden, wo der nächste Schritt gemacht wird. Erst einmal brauchen wir mehr Kunden, mehr Peering, mehr Partner. Bevor wir vollständig in die Richtung gehen, müssen wir sie auch erst mal vollständig verstehen. (dz)

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