Menü

Terroranschlag in Neuseeland: ein Attentat mit Live-Stream und Social-Media-Begleitung

In Christchurch haben Attentäter Dutzende Menschen in zwei Moscheen umgebracht. Sie operierten mit der ganzen Kraft sozialer Netze und des Internets.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 980 Beiträge
Terroranschlag in Neuseeland: Mit der ganzen Kraft sozialer Netze und des Internets

(Bild: ra2studio/Shutterstock.com)

Stunden nach dem Terroranschlag in der neuseeländischen Stadt Christchurch wird deutlich, dass sich der oder die Täter gezielt die Macht sozialer Netzwerke, des Internets und der Medien zunutze machen wollten. Bei dem Angriff auf zwei Moscheen sind am Freitag mindestens 49 Menschen umgebracht worden, teilte der zuständige Polizei-Chef Mike Bush inzwischen mit. Dutzende weitere wurden verletzt. Vor allem ein verdächtiger Australier steht nun im Fokus, bei ihm handelt es sich laut Australiens Premierminister Scott Morrison um einen "rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen".

Bush sagte der Nachrichtenagentur dpa zufolge, es seien vier Menschen festgenommen worden, wobei einer davon vermutlich nicht mit dem Angriff in Verbindung stehe. Dem Australier, der Ende 20 sei, werde Mord vorgeworfen. Er soll bereits an diesem Samstag einem Richter vorgeführt werden. Bei den übrigen zwei Verdächtigen müsse noch genau geklärt werden, was sie mit dem Vorfall zu tun hätten. Sie seien im Besitz von Schusswaffen gewesen.

Einer der Anschläge war laut übereinstimmenden Berichten live per Video auf Facebook gestreamt worden. Der Attentäter machte die Aufnahmen mit einer Helmkamera, auf denen zu jeder Zeit deutlich die Waffe in seinen Händen zu sehen ist. Das Videomaterial auf dem jetzt gesperrten Facebook-Konto erinnert visuell sehr stark an Egoshooter, wie sie seit Jahrzehnten fest zur Videospielkultur gehören. Angesichts weiterer inzwischen bekannt gewordener Details über den Attentäter dürfte das kein Zufall sein.

Die Rechercheplattform Bellingcat hat zusammengetragen, dass einer der Attentäter den Anschlag wohl in dem anonymen Forum 8chan angekündigt hat, inklusive Link zu seinem Facebook-Account. Außerdem verbreitete der Nutzer Links zu einem "Manifest", in dem auf Dutzende Seiten verschiedenste rassistische Verschwörungstheorien und rechtsradikales Gedankengut zusammengetragen sind. Darüber hinaus finden sich darin auch viele Abschnitte, die darauf ausgelegt sind, zu provozieren und Leser abzulenken. Beispielsweise heißt es an einer Stelle: "Fortnite hat mich das Töten gelehrt."

Dieser Rückgriff auf Insider-Themen aus dem Internet geht über den Text hinaus, für den der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik das Vorbild lieferte. In dem Video des Anschlags in Neuseeland fordert der Attentäter seine Zuschauer auf, "Remember, lads, subscribe to Pewdiepie". Damit bezieht er sich auf den umstrittenen Youtuber Felix Kjellberg, dem Antisemitismus vorgeworfen wird und der derzeit versucht, erfolgreichster Youtuber zu bleiben. Kjellberg twitterte bereits, die Angelegenheit mache ihn krank. Ohne dass er wirklich eine Wahl hatte, sorgte er damit aber auch für mehr Aufmerksamkeit.

Das Attentat macht einmal mehr deutlich, wie unzureichend die großen Internetkonzerne weiterhin darauf vorbereitet sind, die Verbreitung von Inhalten zu unterbinden, die klar den eigenen Nutzungsrichtlinien widersprechen. So konnte das blutige Verbrechen live über Facebook ins Netz gestreamt werden – und auch wenn das Video dort inzwischen gesperrt ist, werden Kopien von Internetnutzern weiterhin auf Youtube hochgeladen. Auf Reddit verteidigen einige Nutzer solche Weiterverbreitung mit der Meinungsfreiheit. Moderatoren, die dem widersprechen und dagegen vorgehen, werden kritisiert.

Auch viele Medien verbreiten weiterhin Teile des verstörenden Materials, sicher auch, um mit den sozialen Netzen mitzuhalten und die Schaulust ihrer Konsumenten zu bedienen. Andere wie The Verge verweisen aber auch darauf, dass diese Weitergabe ganz im Sinne der Terroristen ist und erfahrungsgemäß Nachahmer beeinflussen wird. Jeder Bericht über das Attentat ist einkalkulierter Teil dieser Strategie; etwa auf Twitter häufen sich wieder die Bitten an Medien, sich bei ihrer Arbeit dessen bewusst zu sein.

Lesen Sie auch bei heise online:

(mho)