Menü

Tetra ist eine Insel

Das am 2.Juli 2001 im Aachener Dreiländereck gestartete Pilotprojekt eines digitalen "Blaulichtfunks" auf Basis der Tetra-Technik wurde am 30. Juni offiziell abgeschlossen. Auf einer Pressekonferenz zogen Behördenvertreter aus Nordrhein-Westfalen und die Firma Motorola als Hauptlieferant des Projektes eine erste positive Bilanz. So betonte Rüdiger Korp, Leiter der Projektgruppe BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) beim Innenministerium Nordrhein-Westfalen, dass der Tetra-Betrieb in vollem Umfang weiterlaufen werde, bis eine bundesweite Lösung vorhanden sei. Damit bezog sich Korp auf den sehr allgemein gehaltenen Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz vom 26.Juni, ein digitales BOS-Netz in Deutschland zu installieren.

Insgesamt kostete der Pilotversuch in dem 700 Quadratkilometer großem Gebiet rund um Aachen etwa 7,7 Millionen Euro. In dem Gebiet, das flächenmäßig etwa dem Stadtstaat Hamburg entspricht, wurde mit 12 Basisstationen eine Abdeckung von 95 Prozent erzielt. 580 Handfunkgeräte, 248 KFZ-Einbauten, 28 stationäre Anlage, 100 Funkkoffer, 30 Inhouse-Repeater und 20 "Pager" (Handfunkgeräte mit ausgebauten Sendern) wurden von 5 Leitstellen bei Polizei, Feuerwehr, Zoll, Bundeskriminalamt und Bundesgrenzsschutz im Dauereinsatz zwei Jahre lang getestet, 2000 BOS-Kräfte wurden in der Bedienung der neuen Geräte geschult. Das Tetra-Netz überzeugte vor allem in Punkto Sprachqualität, Interoperabilität mit belgischen und holländischen Systemen und bei der Datenkommunikation, hieß es. So wurde auf der Pressekonferenz eine polizeiliche Datenbankabfrage in der Inpol-Datenbank des BKA demonstriert, die fortlaufendes "Information Drilling" über eine Person betrieb, ohne dass der normale Funkverkehr unterbrochen werden musste. Besonders angetan waren die Beteiligten von den Handsprechgeräten mit integriertem WAP-Browser für die Datenbankabfrage: "Die Fähigkeit, über den WAP-Browser Abfragen nach KFZ-Daten oder Serienummern zu starten, fördert den Kontakt zwischen Bürgern und der Polizei, weil sie zeigt, dass auch der Streifenbeamte sich um die Belange der Bürger kümmert", gab sich Rüdiger Korp überzeugt. "Auf diese Weise wird die persönliche Bürgercourage gefördert." Doch der oberste Testpolizist hatte auch Optimierungsbedarf anzumelden: Korp bezeichnete die Inhouse-Versorgung von Gebäuden mit schlechter Erreichbarkeit als ausbaufähig und bemängelte das Fehlen von geeigneten Tetra-Geräten für die verdeckte Ermittlungsarbeit.

Anzeige

Anfang 2004 soll die europaweite Ausschreibung des Behördenfunks erfolgen, die nach öffentlichen Richtlinien so allgemein gehalten sein muss, dass Tetra, Tetrapol (in Frankreich und der Schweiz im Einsatz) und selbst ein BOS-Netz innerhalb des herkömmlichen GSM-Telefonnetzes (Vodafone) zur Auswahl stehen. Dennoch gaben sich die Fachleute davon überzeugt, dass Tetra das Rennen machen wird. "Es gibt Leistungsmerkmale wie der sofortige Verbindungsaufbau, der in einem GSM-Netz nicht nachzubilden ist. Dort sind Aufbauzeiten von 2 bis 8 Sekunden nicht unterschreitbar, also nicht für den taktischen Einsatz geeignet", erklärte Korp. Motorolas Vertriebsdirektor Peter Damerau gab sich zuversichtlich, dass ein BOS-Netz nach dem Tetra-Standard kommen wird: "Wir stehen mit unserem Tetra-Werk in Berlin Gewehr bei Fuß". Dennoch sei das ursprünglich gesetzte Ziel, zur Fußball-WM 2006 einen flächendeckenden digitalen BOS-Funk zu haben, sehr unrealistisch.

Was zur WM kommen dürfte, ist ein Misch aus altem Analognetz und Tetra für besonders neuralgische Punkte. Den Mix erprobte die Berliner Polizei am 1. Mai anlässlich der Tumulte rund um den NPD-Aufzug. Aus Gründen der Abhörsicherheit gegenüber linken wie rechten Aktivisten benutzten alle Polizeieinheiten im Westend Tetra, während der Rest mit den Kanälen des analogen Systems im 4- und 8-Meter-Band arbeitete. (Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (jk)

Anzeige