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Teure Diktatur: Was Ägypten die Internet-Abschaltung kostet

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Die tagelang anhaltende Abschaltung des Internet in Ägypten samt zwischenzeitlicher Deaktivierung der Mobilfunk-Dienste hat der ägyptischen Volkswirtschaft großen Schaden zugefügt. Schätzungen über die direkten Kosten gehen weit aus einander. Ob nun 19 Millionen (Pyramid Research) oder 90 Millionen US-Dollar (OECD), die langfristigen Folgen sind weit schwerwiegender. Denn abgesehen von den politischen Auswirkungen ist der Ruf als verlässlicher IKT-Outsourcing-Partner (Informations- und Kommunikationstechnologien) zumindest stark angekratzt. Ein erfolgreicher Wandel weg von Korruption und hin zu Demokratie könnte jedoch einen viel stärkeren wirtschaftlichen Schub bringen.

Die ägyptische IKT-Wirtschaft hat 2010 laut OECD eine Milliarde Dollar (oder knapp drei Millionen Dollar pro Tag) umgesetzt. Die tagelange Abschaltung des Internet trifft aber nicht nur Callcenter, den E-Commerce oder Serverbetreiber, sondern auch die bedeutende Tourismusbranche und andere "klassische" Wirtschaftszweige. Die Regierung hatte viel daran gesetzt, IKT-Unternehmen im Land zu etablieren. Die ägyptische IKT-Wirtschaft nimmt heute in der Region unter den arabischen Staaten eine führende Rolle ein.

Auch die Telekommunikations-Infrastruktur für die Bürger ist vergleichsweise gut. Es gibt drei landesweite 2G-Mobilfunknetze, zudem erreichen die 3G-Netze jeweils mehr als drei Viertel der Wohnsitze. Statistisch kommen mehr als achtzig Mobilfunk-Anschlüsse auf hundert Einwohner, bis 2015 soll die sogenannte
Mobilfunkpenetration laut Pyramid Research auf über hundert Prozent ansteigen. Es gibt mehr als 10 Millionen Festnetzanschlüsse, was einer Penetration von über zwölf Prozent entspricht – damit liegt das Land gemeinsam mit Tunesien nur hinter Libyen auf Platz 2 einer Rangliste der kontinentalen Festnetzmärkte Afrikas (2009 laut ITU, ohne Inselgebiete).

ADSL-Anschlüsse werden von der öffentlichen Hand subventioniert und sind für weniger als fünf Euro monatlich zu haben. In Ägypten gibt es laut Pyramid Research die preisgünstigsten Anschlüsse mit bis zu 256 kbit/s im arabischen Raum. Weit verbreitet sind informelle Nachbarschaftsnetze, durch die sich mehrere Nutzer einen Internetzugang teilen. Die Anbieter schätzen, dass dadurch jeder Breitbandanschluss durchschnittlich vier Haushalte versorgt. Dies ist mit ein Grund für die hohe Internetnutzung, mobiles Breitband ist aber vielfach wichtiger.

Mehr als jeder vierte Ägypter ist inzwischen online, was hinter Tunesien den zweiten Platz im Kontinentalranking bedeutet (2009 laut ITU, ohne Inselgebiete). Dies gewinnt vor dem Hintergrund eher bescheidener Alphabetisierungsraten (Männer 75 Prozent, Frauen 58 Prozent; zum Vergleich Tunesien mit 86 Prozent beziehungsweise 70 Prozent, und Libyen mit 95 respektive 81 Prozent, jeweils jüngste Daten nach Fischer Weltalmanach 2011) an Gewicht, da Analphabeten in der Regel kaum online gehen.

Eine erfolgreiche Revolution könnte den erst einmal enstandenen Schaden aber mehr als aufwiegen, denn undemokratische Regime sorgen bei Investoren grundsätzlich für große Vorsicht. Die mit gering ausgespräger Rechtsstaatlichkeit meist einhergehende Korruption tut ihr übriges. "Die Wirtschaftsführer der Welt sollten sich deutlich äußern und die Bürger Ägyptens und anderer Länder, wo Despoten herrschen, unterstützen", meint Milliardär Richard Branson. Das Schweigen vieler Wohlfahrtsgenossen behagt ihm nicht.

In einem Radioinverview beschrieb der Ägypter Naguib Sawiris, Chef der im Eigentum seiner Familie stehenden Orascom Telecom, dass Ägypten sich vor dem Aufstand wirtschaftlich blendend entwickelt habe. Nun falle ein Schatten über die Bemühungen, neue Investitionen anzuziehen. "Aber meiner persönlichen Meinung nach ist das temporär. Ich bin sehr optimistisch", so Sawiris, "Wir glauben, dass Demokratie kommt. Und Demokratie ist die beste Garantie für Investitionen, langfristig."

(Daniel AJ. Sokolov) / (js)

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