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 | Technology Review

Texte aus der Themenfabrik

Der algorithmische Journalismus ist nun auch in Deutschland angekommen: Seit dem 1. Juli ist die erste deutsche Internetseite online, die ausschließlich nachfrageorientierte Inhalte publiziert. Die Themenauswahl von „wiegehtdas.tv “ basiert auf Suchbegriffen sowie konkreten Fragen, die Internetnutzer bei Suchmaschinen eingeben. Ein Algorithmus durchforstet diese Anfragen und sucht die häufigsten heraus. Zu diesen Themen erstellt dann ein Team von freien Mitarbeitern dazu passende kurze Artikel oder auch Videos, wie zum Beispiel zu der Frage „Wie bindet man sich die Schuhe“ oder „Wie funktioniert Twitter“.

Die „virtuelle Fabrik“, wie der Betreiber der Seite Andre Zalbertus sie selbst nennt, finanziert sich über Google-Anzeigen, die zu den Erklärungen passend auf der Seite platziert werden. Darüber hinaus ist geplant, Beiträge auch an andere Medienpartner zu verkaufen. Langfristig wollen Zalbertus und sein Geschäftspartner Veit Siegenheim das Modell aber auch auf das Fernsehen ausweiten und deutschlandweit Beiträge zu Themen senden, die der Algorithmus als relevant erkannt hat.

Die Idee zu diesem Bedarfsjournalismus stammt aus den USA. Bereits seit 2006 bietet zum Beispiel die Agentur „Demand Media“ des Medienunternehmers Richard Rosenblatt nur ausschließlich Inhalte an, die auf häufige Suchanfragen zugeschnitten sind. Die Suchenden werden auf die firmeneigene Seite „eHow.com“, einen eigenen Youtube-Kanal oder auf Partnerseiten wie „livestrong.com“ des Radprofis Lance Armstrong geleitet. Doch in den USA sind diese „Antwort-Fabriken“ nicht unumstritten. Kritiker werfen ihnen einen Ausverkauf des Journalismus vor. „Demand Media“ zahle Dumpinglöhne, die dem Arbeitsaufwand nicht gerecht würden. Zudem überschwemmten die Inhalte-Fabriken das Internet täglich mit tausenden überwiegend qualitativ minderwertigen Beiträgen. Da sich die Texte zudem nicht mehr auf banale Alltagsfragen beschränkten, sondern auch bereits Themen aus Politik und Kultur behandelten, werde hochwertiger Journalismus langfristig von Fast-Food-Inhalten verdrängt.

Auf die Frage, ob er ähnliche Vorwürfe befürchtet, gibt sich Andre Zalbertus gelassen und verweist auf den allgemeinen Trend: „Wir stehen am Anfang einer digitalen Revolution, die auch die Strukturen der jetzigen Medienlandschaft grundsätzlich verändert wird.“ Mit seinem Modell der „Bürgerreporter“, die für seine Produktionsfirma „center.tv“ Beiträge produzieren, habe er bereits eine erfolgreiche Alternative zum herkömmlichen Journalismus etabliert. „Wir wollen bei unserem neuen Angebot auch nicht primär Journalisten beschäftigen. Jeder, der auf einem bestimmten Themengebiet besonders kompetent ist, kann sich bei uns registrieren und sich Themen auswählen“, sagt Zalbertus. Um groben Unfug zu vermeiden, prüft ein Team von Journalisten die Texte noch vor der Veröffentlichung.

Zalbertus sieht sein neues Geschäftsmodell damit auch nicht als Konkurrenz zu aktuellen On- und Offline-Angeboten von Verlagen. „Wir bieten keinen klassischen Zeitungsjournalismus, sondern sehen uns eher als Ratgeber für alltägliche Themen. Wir beantworten alle Fragen – ein bisschen wie bei der Sendung mit der Maus.“ Über das Niveau einer Kindersendung scheint der Anspruch allerdings doch hinauszugehen. Auf der Homepage finden sich Kategorien wie „Recht und Gesetz“, „Familie und Erziehung“ oder „Gesundheit und Liebe“, die durchaus ein fundiertes Fachwissen erforderlich machen. (Lennart Oheim) / (wst)

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