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The Big Bang Theory: Bye bye, Sheldon, es ist Zeit zu gehen ...

Anspruchslosigkeit bis zum Schmerz

Inhaltsverzeichnis

Natürlich wäre es albern, eine Network-Serie mit den Ansprüchen zu vergleichen, die man früher mit den Serien von HBO verknüpft hat. Eine Serie mit komplexer Story wie "Breaking Bad", "Game of Thrones" oder "House of Cards" hätte keine Chancen, sechs bis acht Mal am Tag auf ProSieben gezeigt zu werden.

So hat Lorre es sorgsam vermieden, dem Stoff irgendeine Relevanz oder Aktualität zu verleihen. Während die halbe Nation Psychopharmaka oder Drogen nimmt, spielt das Thema in einer WG der Verhaltensgestörten keine Rolle. Raj ist mit Alkohol so viel besser bedient. Dafür darf er keine Einwanderer-Geschichte erzählen, die dem Publikum unangenehm wäre. Er ist halt ein reicher Inder. Mit einem Cousin, der in einem Call-Center arbeitet.

Wie es Hannah Gadsby in ihrem hoch gelobten Netflix-Comedy-Special "Nanette" beschreibt, weckt diese Art von Comedy ab einem gewissen Punkt keine Sympathien mehr, sondern ist einfach nur noch herabsetzend. "Wisst Ihr, was diese Art von Selbstironie bedeutet, wenn man ohnehin schon am Rand der Gesellschaft steht? Es ist nicht Bescheidenheit. Es ist Erniedrigung." Nur wer sich als Abziehbild seiner selbst präsentiert, darf überhaupt drauf hoffen, in der Pop-Kultur wahrgenommen zu werden.

Und das trifft bei "TBBT" quasi auf jede Figur zu. Alle Nerds sind lächerlich unsportlich und können nicht mit Frauen reden. Raj muss andauernd Witze darüber machen, wie dreckig und übervölkert Indien doch ist. Howard und seine fette Mutter bringen alle jüdischen Klischees auf den Tisch. Penny wird Pharma-Vertreterin, weil das ein Job für Blondinen ohne Ahnung ist, und Comicbuchladen-Besitzer Stuart steuert die Arme-Leute-Witze bei, weil er sich ja sonst nichts anderes leisten kann. Garniert wird dies von den ältesten Witzen, die Sitcoms zu bieten haben – von dem Bully, der die Nerds ohne Hosen nach Hause schickt, bis zu den werdenden Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes geheim halten wollen. Und haufenweise Schwulen-Witze – obwohl kein homosexueller Charakter überhaupt in Sichtweite ist.

Um fair zu bleiben: Kaum eine Comedy schafft es, über mehr als drei oder vier Staffeln originell zu bleiben – danach ist es meist die Trägheit der Bewegung, die den Plot noch nach vorne treibt. Das Publikum kennt die Charaktere und schaltet meist aus Gewohnheit weiter ein. Dass es The Big Bang Theory über zwölf Jahre schaffte, ist nach allen Maßstäben der Branche ein enormer Erfolg. Und der Nerd-Kultur hat es ja augenscheinlich nicht geschadet: Veranstaltungen wie Comic-Con platzen aus allen Nähten und bieten auch anspruchsvolleren Stoffen eine attraktive Plattform.

Doch die Nerd-Kultur ist mehr als ein Produktkatalog mit den neusten Sammelkarten und Sheldons Shirts, Star Wars und Spiderman. Auch die Comedy hat sich in diesem Jahrzehnt weiterentwickelt. Deswegen: Bye bye, Sheldon Cooper. Es ist Zeit, zu gehen. (jk)