The Suicide of Rachel Foster durchgespielt: Spiel mit der Provokation

Die Walking-Sim The Suicide of Rachel Foster will viel, zeigt aber beim Umgang mit sensiblen Themen wenig Fingerspitzengefühl.

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(Bild: Daedalic)

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Publisher Daedalic steht mit dem Rücken zur Wand. Nachdem Hauptanteilseigner Bastei Lübbe die Gelder gestrichen hat, muss jedes kommende Spiel ein Hit werden. Leider beweisen die Hamburger als Publisher mit "The Suicide of Rachel Foster" kein gutes Händchen. Die Walking Sim des italienischen Studios One O One spannt die Spieler viel zu lange auf die Folter und zeigt sich bei sensiblen Themen überfordert.

Die Spieler schlüpfen in die Rolle der jungen Erbin Nicole, die zum verlassenen Hotel ihrer Familie zurückkehrt. Allerdings tobt draußen ein Unwetter und die junge Frau wird von den Schneemassen im Hotel eingeschlossen. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Funkkontakt zu einem Sicherheitsbeamten, der ihr Tipps bei der Erkundung des alten Gemäuers gibt. Dabei stößt Nicole auf Hinweise auf ein düsteres Familiengeheimnis, das sie zuvor verdrängt hatte.

The Suicide of Rachel Foster hat eigentlich alles, was einen guten Thriller ausmacht: ein abgelegenes Hotel in den Bergen, ein düsteres Geheimnis und eine einsame Heldin, die hilflos durch die zahlreichen Geheimgänge irrt. Nach der stimmungsvollen Fahrt zum Hotel, die an The Shining erinnert, wandelt das Spiel auf den Spuren von Gone Home oder Firewatch. Das Spielprinzip ist dementsprechend simpel: das Hotel nach Gegenständen durchsuchen und sich am Funkgerät unterhalten. Rätsel gibt es nicht.

Besonders die Gespräche bremsen das Spiel enorm aus. So müssen die Spieler grundsätzlich jeden Dialog zu Ende hören, bevor sie irgendetwas Sinnvolles unternehmen können. In einem Fall musste Nicole einen Schraubenzieher besorgen, aber konnte ihn nicht in Hand nehmen, weil der Dialog noch nicht zu Ende war. Ein Kapitel besteht nur daraus, durch Beweise zu klicken und sich die mehr oder weniger nutzlosen Kommentare des Sicherheitsbeamten anzuhören. Schade auch, dass man Gegenstände wie Reinigungsmittel oder Zigarettenpackungen ständig finden kann, sie aber keinerlei Einfluss auf die Handlung haben.

Oft werden die Spieler unnötig auf die Folter gespannt. Rund zwei Drittel des Spiels passiert kaum etwas, bis am Ende der rund vierstündigen Spielzeit Gas gegeben wird. Das Hotel ist schnell erkundet, wirkt eintönig und lässt spannende Szenen vermissen. Gruselig wird es nur dann, wenn die Heldin sich mit dem Blitzlicht einer Polaroid-Kamera durch das Haus schleicht oder geheimnisvolle Geräusche hört. Da hilft es auch nicht, dass die Dialoge allesamt sehr lebensecht vertont sind – The Suicide of Rachel Foster ist ein langatmiger, gestreckter Hotel-Thriller, der viel will, aber wenig davon umsetzt. Mehr noch als die spielerischen Defizite wiegt der oberflächliche Umgang mit den verstörenden Themen der Handlung.

The Suicide of Rachel Foster angespielt (5 Bilder)

In The Suicide of Rachel Foster muss eine junge Erbin ein düsteres Geheimnis ihrer Kindheit aufklären. (Bild: Daedalic)

Der folgende Abschnitt beinhaltet Spoiler zum Ende des Spiels. Wenn Sie selbst spielen wollen, lesen Sie ab "Fazit" weiter.

In The Suicide of Rachel Foster geht es um Themen wie Selbstmord, Missbrauch Jugendlicher, Psychosen oder einfach Mord, die den Spielern um die Ohren geklatscht werden, um zu schocken. Ende, Abspann. Das kann man alles in einem Spiel erzählen, egal wie verstörend es ist. Kunst muss nicht nur unterhalten oder Spaß machen – sie muss auch mal Grenzen austesten oder überschreiten. Nur sollten die Gamedesigner den verantwortungsbewussten Rahmen dazu schaffen und den Spielern die Möglichkeit geben, darüber zu reflektieren.

Nicoles Familiengeschichte entpuppt sich im Spielverlauf als ausgesprochen tragisch. Am Ende kann sich Nicole für eins von zwei deprimierenden Schicksalen entscheiden: In einem davon begeht sie Selbstmord, den die Spieler selbst aktiv steuern.

Große Erklärungen gibt es aber nicht, Sensibilität wird kleingeschrieben. Besonders viel haben die Macher zu den sensiblen Themen nicht zu sagen. Stattdessen inszenieren sie provokant den Selbstmord als letzten Ausweg. Das ist entweder dem Budget und Zeitgründen geschuldet oder dem naiv-unverantwortlichen Ansatz der Entwickler.

Vielleicht wollte One O One einen beklemmenden Thriller wie The Shining schaffen. Vielleicht wollte das Studio auf den Spuren von Gone Home wandeln oder einfach nur den Spieler gruseln. Tatsache ist: Nichts davon gelingt. Das Hotel wirkt schnell eintönig, die Geschichte entwickelt sich erst im letzten Drittel und die teilweise provokanten Themen der Handlung werden nur kurz angerissen. Es ist fraglich, ob der angeschlagene deutsche Publisher und Entwickler Daedalic mit diesem Spiel die Wende schafft. Das unausgegorene The Suicide of Rachel Foster ist alles andere als erfolgversprechend.

The Suicide of Rachel Foster erscheint am 19. Februar als Download für Windows. Es kostet ca. 17 €. USK ab 16.
(dahe)