Menü

The Whole Earth - und Computer mitten drin

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 3 Beiträge
Von

Im Rahmen des Anthropozän-Projektes zur Erforschung des Menschenzeitalters wurde im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine Ausstellung rund um den Whole Earth Catalog eröffnet. Dieser erschien von 1968 bis 1972 und belieferte die Gegenkultur mit "Access to Tools", Computer inklusive.

"Die richtige Information am richtigen Platz kann dein Leben verändern", dieser Satz von Stewart Brand aus der Whole Earth Review von 1985 bringt die Funktion der von Brand herausgegebenen Kataloge und Zeitschriften auf den Punkt. Zusammen mit dem später von Whole-Earth-Katalogleser Steve Jobs popularisierten Motto "Stay hungry, stay foolish" charakterisiert es gut die alternative Szene Kaliforniens der 60er und 70er Jahre. Das prägende Bild dieser Jahre ist nicht mehr der Atompilz, sondern die Blaue Murmel, das Bild der schönen, verletzlichen Erde. Es wurde zum Titelbild der Kataloge, ein ähnliches Bild ist das Logo der Berliner Ausstellung über "Kalifornien und das Verschwinden des Außen".

Seit John Markoffs Buch What the Dormouse Said ist bekannt, wie sehr die Alternativkultur Kaliforniens die Entwicklung des Computers prägte. Die Hobby-Bastler vom Homebrew Computer Club gingen auf dieselben bewusstseinsweiternden Festivals und hörten die Musik von Jefferson Airplane. Aus ihrem Bolero White Rabbit stammt der Buchtitel und die Aufforderung "Feed your Head", die sehr wörtlich genommen wurde. Youtube-Schnippsel von den Auftritten der Band um Grace Slick prägen denn auch die Berliner Ausstellung, etwa das Protestkonzert House at Pooneil Corners, das Jean-Luc Godard abfilmen ließ. Daneben gibt es Videos von Auftritten kalifornischer Bands wie Grateful Dead oder Crosby, Stills, Nash & Young. Der weitaus größte Teil der Ausstellung ist nicht multimedial und muss erlesen werden: Stellenweise fühlt sich der Besucher im Innern eines großen Katalogs, der kein Außen kennt.

Die Computergeschichte ist gleich mehrfach berührt, die Spannweite reicht von der im Whole-Earth-Katalog immer präsenten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und Kybernetik bis zur Mutter aller Demos, der Präsentation einer rudimentären grafischen Bedienoberfläche samt Computermaus durch Douglas Engelbart, der Stewart Brand als Kameramann beschäftigte. Die Entstehungsgeschichte des Internet wird jedoch nur durch einige Namen markiert, der Besucher darf rätseln, wie die Zusammenhänge aussehen. So findet denn auch der als Mailbox gestartete Whole Earth 'Lectronic Link Erwähnung, jedoch ohne Erklärung, was die besondere Ausstrahlung dieser Box für die sie nutzenden WELLbeings war, die heute noch versuchen, das System am Leben zu halten.

Leider sind nicht alle Informationen der Ausstellungsmacher korrekt. Das chilenische Cybersyn-Projekt des Kybernetikers Stafford Beer musste zwar mit dem Sturz der Regierung von Salvador Allende abgebrochen werden, doch Projekt-Koordinator Fernando Flores machte weiter und entwickelte später zusammen mit Terry Winograd auf Basis der Sprechakttheorie die Groupware "The Coordinator", die wahlweise als Büro-Sozialismus oder Büro-Stalinismus charakterisiert wurde und damit für Aufsehen sorgte.

Das letzte Whole Earth-Projekt, die Herausgabe der "Whole Earth Software Review" im Jahre 1985, scheiterte. Die Ausstellungsmacher erklären es so: "Zu schnell entwickelten sich die Programme und bald sollten Netzwerke und Online-Inhalte die Funktion des Whole Earth-Kataloges übernehmen". Dass zu diesem Zeitpunkt hunderte von ziemlich unpolitischen Computerzeitschriften gestartet wurden, die seitdem über Soft- wie Hardware berichten, wird ignoriert. Stattdessen wird das Entstehen der Zeitschrift Wired gefeiert, die mit ihrer kalifornischen Ideologie die Reste der Alternativbewegung mit dem Kapitalismus versöhnte.

Die Ausstellung "The Whole Earth - Kalifornien und das Verschwinden des Außen" ist Mi bis Mo 10:00 bis 19:00 geöffnet und bis zum 1.7. zu sehen, der Eintritt beträgt 5 Euro. Nach einer wissenschaftlichen Konferenz soll ein Ausstellungskatalog veröffentlicht werden. (gr)