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Tim Berners-Lee: "Recht auf Vergessen" ist gefährlich

Das Wort von Sir Tim Berners-Lee zählt, wenn es um Netzpolitik geht: Der 59-jährige Brite hat die Grundlagen des World Wide Web gelegt. Er sieht das vom EuGH ausgesprochene "Recht auf Vergessen" skeptisch.

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Tim Berners-Lee (r.) im Gespräch mit LeWeb-Gründer Loïc LeMeur.

(Bild: Screenshot)

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WWW-Erfinder Tim Berners-Lee sieht Gefahren in dem in Europa verstärkt durchgesetzten "Recht auf Vergessenwerden" im Internet. "Das Recht auf Zugang zur Geschichte ist auch wichtig", betonte Berners-Lee am Mittwoch auf der Internet-Konferenz "LeWeb" in Paris. Es wäre richtig, den Zugang zu Informationen zu verhindern, wenn sie falsch seien. "Aber wenn etwas wahr ist, sind die Redefreiheit und das Recht auf Zugang zur Informationen wichtig."

"Recht auf Vergessen": Das EuGH-Urteil gegen Google

Der Europäische Gerichthshof hat im Mai 2014 entschieden, dass Suchmaschinenbetreiber Verweise auf Webseiten mit sensiblen persönlichen Daten auf Verlangen aus ihren Ergebnislisten streichen müssen. Allerdings müssen die Artikel, Dokumente oder Seiten mit den inkriminierten Informationen keineswegs aus dem Netz verschwinden, die Informationen bleiben im Netz erhalten. Die Meinungen über das Urtell sind gespalten.

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Zugleich müsse die Gesellschaft aber auch dafür sorgen, dass Menschen aufgrund von Informationen aus ihrer Vergangenheit nicht diskriminiert werden. So dürfe eine alte Verurteilung nicht mehr Entscheidungen eines Arbeitgebers oder einer Versicherung beeinflussen. Eine solche Regelung sei "viel besser, als so zu tun, als ob etwas nie passiert wäre".

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte im Mai Europäern das Recht gegeben, bei Suchmaschinen wie Google das Entfernen von Links durchzusetzen. Dabei müssen die Informationen nicht falsch sein. Die Inhalte müssen auch nicht gelöscht werden, sondern sollen nur aus den Suchergebnissen verschwinden. Europäische Datenschützer fordern eine Umsetzung sogar auch auf Google-Seiten außerhalb Europas.

Berners-Lee nutzte die Bühne in Paris, um die IT-Experten zum Kampf für die sogenannte Netzneutralität aufzurufen. Das Prinzip besagt, das alle Daten im Netz gleich behandelt werden müssen. Aktivisten befürchten nach aktuellen Plänen aus der Politik, dass es durch bezahlte Überholspuren ausgehöhlt wird und dadurch kleine Online-Unternehmen benachteiligt werden.

"Widmen Sie fünf Prozent Ihrer Zeit der politischen Lage. Treten Sie bewusst dieser Schlacht bei", appellierte Berners-Lee. Es gehe darum, das offene Netz zu verteidigen. Letztlich gehe es um den Weltfrieden. "Netzneutralität ist unsere Wahl." Die Lobby dagegen sei stark.

Es werde die Zeit kommen, in der Roboter vor Gericht die gleichen Rechte wie Menschen bekämen, prognostizierte Berners-Lee. "Auf gewisse Weise ist das bereits passiert: Große Unternehmen werden von Computerprogrammen gesteuert", argumentierte der Brite. "Sie haben die gleichen Rechte wie Menschen – nur mehr Geld, um ihre Interessen durchzusetzen."

Berners-Lee kritisierte zugleich die großen Online-Unternehmen, die Daten in "Silos" einsperrten. Ein Beispiel sei, dass ein Nutzer seine Kontakte bei Facebook und Twitter nicht zusammenbringen könne.

Der 59-jährige Computer-Wissenschaftler Berners-Lee hatte vor über 25 Jahren am europäischen Forschungszentrum Cern mit seinen Vorschlägen für vernetzte Dokumente die Grundlagen für das World Wide Web gelegt. (vbr)