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Tor-Entwickler zu PRISM: "Das soll eine Demokratie sein?“

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Der Gründer des Anonymisierungs-Netzwerks Tor, Roger Dingledine, und Tor-Evangelist Jacob Appelbaum haben bei einer Vorlesung (Video) an der Technischen Universität München an junge Entwickler appelliert, bessere und datenschutzfreundlichere Werkzeuge für die digitale Kommunikation zu schaffen. Das Tor-Netzwerk sei infolge des Überwachungsskandals während der vergangenen fünf Wochen von 3000 auf 4000 Server angewachsen. Doch drohe die Aufregung schon wieder abzuklingen. In Deutschland sei die Empörung wegen seiner "schrecklichen Geschichte“ jedoch größer, sagte Appelbaum.

Der inzwischen in Berlin lebende Amerikaner Appelbaum ließ kein gutes Haar an der US-Regierung. „Geheime Gesetze, geheime Gerichte, das soll eine Demokratie sein?“, fragte Appelbaum. Er sprach von einer „Zersetzung“ der Gesellschaft und „gesetzlosen Elementen in der US-Regierung“. Zugleich warnte er vor dem Trugschluss, „Gott sei dank, ich bin in Deutschland und daher sicher“. Die deutschen Dienste machten dasselbe wie die US-Dienste.

Jacob Appelbaum während seines Vortrages an der TU München im Januar 2012.

(Bild: TU München)

Georg Zoche, Sohn eines Münchner Flugzeugmotorherstellers, konnte das bestätigten. Ein wegen Wirtschaftsspionage ans Wirtschaftsministerium gerichtetes Hilfeersuchen seines Vaters in den 90er Jahren sei mit einer Warnung von Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes beantwortet worden. Der Dieselmotorenentwickler müsse auf den elektronischen Versand von Designs verzichten, um sich zu schützen. „Denn die Amerikaner hörten alles ab“, hieß es laut Zoche von den Beamten. Er frage sich nun: „Wieso kann die Regierung jetzt sagen, sie wisse von nichts?“

Appelbaum kritisierte angesichts dieses „Verrats“ an deutschen Bürgern die Äußerungen des Bundespräsidenten über Edward Snowden. Snowden haben im Gegenteil etwas zum Schutz der Bürger beigetragen. Auch die ganz normale Vorratsdatenspeicherung in Europa ähnele Programmen wie Prism, sagte Appelbaum. Aus den Datenmengen, die Nutzer hinterlassen, könnten Ermittler Vergehen herauslesen und „Fälle“ konstruieren. „Am Ende urteilen andere, nicht ihr selbst, über Euer Leben“, warnte Appelbaum. Er ging auch mit den Diensteanbietern, die allerlei Überwachungsmaßnahmen unterstützten, hart ins Gericht: „All diese CEOs haben gelogen“, als sie abstritten, dass sie den Überwachern Tür und Tor zu den Nutzern öffneten.

Windows-Rechner für eine anonyme Nutzung einzurichten sei aufwändig und am Ende dann doch fruchtlos, meint Appelbaum. Selbst beim Einsatz von PGP unter Windows gebe es ein Bootstrapping-Problem. Auch mit Mozilla ist Appelbaum noch nicht zufrieden. Firefox liefere noch zu viel Informationen aus und erlaube eine Identifizierung, etwa per Fingerprinting. Thunderbird packe zur Message ID einen Zeitstempel und erlaube, die Zeitzone des Nutzers zu bestimmen. Für einen politischen Dissidenten kann dies in Verbindung mit anderen Informationen bereits gefährlich sein, warnte er.

Für Thunderbird arbeite er an einer Lösung, die eine anonyme Nutzung verbessern soll. Ebenfalls in der Entwicklung ist anonyme Telefonie. Appelbaum und Dingledine riefen in München dazu auf, sich an solchen Entwicklungen zu beteiligen. Auch das Netz von Tor-Relays müsse wachsen, um die 500.000 Zugriffe über Tor pro Tag zu bewältigen. Je mehr Relays, desto besser ist das Tor-Netz geschützt gegen die gefährlichsten Angriffe. (vbr)

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