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Transmediale: Googles "Kulturinstitut" als Techno-Kolonialismus kritisiert

Die mexikanische Künstlerin Geraldine Juárez hat Google vorgeworfen, mit seinem Digitalisierungsprogramm für "Kunst und Kultur" ausgesuchte Meisterwerke in "reinen Content" und Vermögenswerte zu transformieren.

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Aus dem Archiv der Transmediale – ein älterer Flyer.

(Bild: Transmediale )

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Forscher, Kunstschaffende und Aktivisten haben insbesondere Google und Facebook auf der Transmediale in Berlin Hegemonialstreben mit neokolonialistischen und kapitalistischen Zügen unterstellt. Die mexikanische Künstlerin Geraldine Juárez etwa bezeichnete das "Google Cultural Institute" als Form des "Techno-Kolonialismus", da das groß angelegte Digitalisierungsprojekt "künstlerischen Ausdruck in reinen Content" sowie die einbezogenen Meisterwerke aus aller Herren Länder insgesamt in Vermögenswerte in einer Datenbank verwandle.

Aus einem Kunstwerk werde mit Googles Scan-Programm eine "zweidimensionale Repräsentation", die in ein JPEG gezwängt werde, erläuterte Juárez am Sonntag auf dem Festival in Berlin. Die Kultur werde ihrem materialen Kontext entfremdet, in ein metrisches Messsystem eingefügt und der "Logik von Suchfunktionen" unterworfen. Der Ansatz des "Kulturinstituts" der Kalifornier erinnere dabei an Pokémon Go und das Motto: "Alles ergreifen." Erzeugt werden sollten so zumindest mittelfristig "Erlebnisse, die monetarisiert werden können". Viele Museen und andere Kulturstätten nähmen das vermeintliche Gratisangebot des Internetkonzerns dankend an, da sie sparen müssten.

Google kann sich mit dem Projekt, mit dem schon voriges Jahr sechs Millionen Kunstwerke aus über 1000 Galerien und Museen in 70 Ländern digitalisiert worden sein sollen, laut der Mexikanerin zum "Gatekeeper von Gatekeepern" aufschwingen. So gebe es in der Zentrale der Unternehmenseinrichtung in Paris mittlerweile einen eigenen Kurator der einschlägigen Datenbank. Dieser bestimme, was in welcher Qualität eingescannt werde. Beliebte Werke wie von Van Gogh kämen in Gigapixel-Auflösung in den Fundus, Zugang zu dieser Ebene erhielten oft aber nicht einmal die Aufbewahrungsstätten der Originale. Zudem könnten derlei behandelte Werke nur auf "Mega-Bildschirmen" in ihren Details betrachtet werden, sodass die hohen Auflösungsraten in der Regel ein Fall für die Suchmaschine selbst und ihre Algorithmen blieben.

Das Programm der Kalifornier für "Kunst und Kultur" wirft laut Juárez nicht nur Fragen des künftigen Zugangs zu berühmten Werken auf. Neben dem Verwertungsbestreben wolle sich der Konzern damit sicher auch ein "philanthropisches Image" verpassen und von anderen Geschäftspraktiken ablenken. Dafür spreche, dass das Kulturinstitut just parallel zum EU-Kartellrechtsverfahren gegen Google Fahrt aufgenommen habe. Das öffentlich ausgegebene Ziel, künstlerisches Schaffen dokumentieren und Lust auf die Originale machen zu wollen, sei wohl eher vorgeschoben.

Auch Facebooks hauptsächlich auf Schwellenländer zugeschnittene Offerte "Free Basics" für einen kostenlosen, aber eingeschränkten Internetzugang wird häufig als Form des digitalen Kolonialismus dargestellt. In Indien sah sich der Plattformbetreiber nach Protesten und eine für ihn unglücklich gelaufenen Konsultation der nationalen Regulierungsbehörde voriges Jahr gezwungen, den Dienst zunächst zu stoppen.

Der Konzern sei dabei letztlich Opfer eines Kollateralschadens und des Beschusses durch die eigenen Truppen geworden, führte die Wissenschaftlerin Maya Indira Ganesh aus. So habe die ausschlaggebende Untersuchung zur Netzneutralität primär einem indischen Telekommunikationsanbieter gegolten. Dazu gekommen sei, dass die Verantwortlichen von Facebook Indien nicht mit der Presse sprechen durften, sondern nur Vertreter aus Irland. Die Aktivisten vor Ort hätten so die Berichterstattung schon wegen deutlich kürzerer Reaktionszeiten dominieren können. Zudem seien offenbar wegen technischer und organisatorischer Fehler Millionen von Mails, die für Free Basics waren, nicht bis zur Regulierungsbehörde vorgedrungen.

"Wir sind alle Eingeborene im Cyberspace", spannte der guatemaltekische Dichter Alan Mills den Bogen weiter. Im Netz würden "nicht nur Entwicklungsländer, sondern alle Bürger weltweit ausgebeutet". Die Vertreter des Plattform-Kapitalismus seien dabei, "unsere Daten, Interessen und Ideen profitabel zu machen". Dazu kämen verschiedene Formen der digitalen Kluft, da etwa "nicht viele von uns Code schreiben können".

Ansätze für den Widerstand sieht der Publizist in einem Mix aus Elementen der Maja- und der Hackerkultur. Trolle oder Bewegungen wie Anonymous oder Occupy seien ähnlich trickreiche Provokateure, wie sie in lateinamerikanischen Mythen die Figur des Kojoten darstelle. "Anonymität stärkt die Macht", meinte Mills. Nötig seien daher Masken und "mobile Identitäten" im Netz. Wenig verwunderlich sei dagegen, dass Facebook-Chef Mark Zuckerberg diese nicht dulden wolle. Auch Open-Source-Plattformen und mündliche Überlieferungen von Angesicht zu Angesicht könnten helfen gegen den digitalen Kolonialismus. (kbe)