Menü

Traumjob Zocker für die Fußball-Bundesliga

Timo Siep alias TimoX spielt als bezahlter E-Sportler Fifa für den VFL Wolfsburg. Wie ist er dazu gekommen und wie sieht der Alltag des Profi-Zockers aus?

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 80 Beiträge
«FIFA 18»

(Bild: dpa, Sebastian Gollnow/dpa)

Inhaltsverzeichnis

Timo Siep sitzt vorgebeugt auf einem Sessel auf der Bühne, nur seine Daumen bewegen sich. Sein Blick ist auf den Bildschirm vor ihm geheftet. Neben ihm sitzt der Gegner. Beide halten Controller in den Händen. Sie drücken Tasten, ihr Puls rast, kleine Fußballer schießen auf den Monitoren Tore – wertvolle Tore. Es geht um 25.000 Euro Preisgeld und den Meistertitel in der Virtuellen Fußball-Bundesliga. Der Sportsender Sport1 überträgt das Match aus dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund ins Internet.

Die jungen Männer spielen Fifa. Timo möchte unbedingt gewinnen – für sich selbst, seine Fans und für seinen Arbeitgeber, den Fußballverein VfL Wolfsburg. Der zahlt dem 20-jährigen Kölner jeden Monat einige Tausend Euro, damit er täglich trainieren kann.

Wie Wolfsburg haben in den vergangenen zwei Jahren immer mehr Fußballclubs Profi-Gamer unter Vertrag genommen: Schalke, Stuttgart, Leipzig, Bochum, Nürnberg, Bayer Leverkusen, Hertha, Köln. Wobei Hertha schon früher einen Test hatte. Sie alle wollen auf der Trend-Welle reiten, den Moment nicht verpassen, wenn aus dem Nischenphänomen etwas Größeres wird. Und natürlich wollen sie im digitalen Topsport Geld verdienen mit Sponsoren und Fans. Für ihre Marke möchten die Clubs auch Fans gewinnen, die lieber im Internet daddeln, als zu bolzen oder Bundesliga auf dem grünen Rasen zu gucken.

Rund um den Globus verfolgen Millionen Menschen Turniere von solchen E-Sportlern wie Timo im Netz oder in Stadien – insgesamt etwa wohl so viele wie beim Radsport oder Eishockey. Tendenz steigend. Gespielt werden außer Fifa auch League of Legends, Counter-Strike, Dota 2 und vieles mehr. Auch die weltweiten Umsätze mit Werbung, Sponsoring, Turniertickets, Medienrechten und Fanartikeln der E-Sport-Branche wachsen: Von etwa 325 Millionen Dollar, etwa 280 Millionen Euro, in 2015 auf fast 655 Millionen Dollar 2017, wie das internationale Marktforschungsinstitut Newzoo schätzt. Die Milliarde sei in Sicht. Große Firmen wie Red Bull, Coca-Cola, Sony und Microsoft mischen mit.

Vor dem Hintergrund dieses Booms begeistert das Modewort "digital" auch manche Manager von Bundesligavereinen. Sie wollen "digitaler werden". Bei Wolfsburg kümmert sich Christopher Schielke um das Thema E-Sport. Sein Titel: Verantwortlicher Digitale Strategie & E-Sport. "Es ist heute schwierig, junge Leute ausschließlich über den klassischen Sport zu erreichen", sagt er. "Wir hoffen, dass E-Sport langfristig unser Kerngeschäft des Fußballs unterstützen wird."

Wolfsburg bezahlt neben Timo noch zwei weitere Gaming-Profis – sowie Manager und Betreuer. Außerdem fördert der Verein drei Nachwuchsspieler, die er in Casting-Turnieren ausgewählt hat. In einer Gaming-Akademie neben dem Stadion sollen sie geschult werden. Schalke 04 hat ebenfalls eine Vorreiterrolle. Andere Clubs investieren weniger: Sie lassen zum Beispiel Studenten für kleines Geld in ihren Trikots zocken. Hertha BSC bildet vorerst nur Jugendliche zu Profis aus. Andere – die Bayern etwa – sind skeptisch.

Timo Siep muss jede Woche mehrere Stunden Training und seine Online-Wettkämpfe live ins Internet übertragen. So steht es in seinem Vertrag. Weil zunehmend mehr junge Menschen den E-Athleten zuschauen, lässt sich dabei mit Werbung Geld verdienen.