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Trendkongress: Big Data, wenig Schutz

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Die sozialen Medien werden Gesellschaft und Wirtschaft verändern, soweit ist man sich in der IT- und TK-Branche einig. "Internettechnologien verändern unser Leben und Arbeiten, unsere Bildung, unsere Medien und nicht zuletzt die Politik", sagte Bitkom-Präsident Dieter Kempf zum Auftakt des Trendkongresses am Dienstag in Berlin. Wie schnell und tiefgreifend diese Veränderungen sein werden, ist dabei auch für Marktforschungsprofis nicht immer abzusehen.

Für seinen ersten Trendkongress, der künftig jährlich stattfinden soll und auch als Forum für die Begegnung von alter und neuer Wirtschaft gedacht ist, hat der Spitzenverband der deutschen ITK-Branche vier Themenfelder abgesteckt: Mobile Technologien, Social Innovation, Big Data und Cloud Computing. Ganz neu ist das alles nicht, doch seien es die Themen, die die Branche in den kommenden Jahren bestimmen werden. Dabei hängt alles zusammen, gibt Marktforscher Stephen Prentice von Gartner zu Bedenken.

Tablets sind die Gewinner der aktuellen Entwicklungen.

(Bild: Bitkom)

Laut Bitkom-Prognose werden 2012 in Deutschland knapp 23 Millionen Smartphones verkauft, bis 2015 sollen es schon über 31 Millionen sein. Hierzulande wird das Smartphone das Handy weitgehend ersetzen, im Bündnis mit den Tablets – 3,2 Millionen Stück in diesem Jahr, 5,3 Millionen 2015 – wird auch die Festung PC geschliffen. "Smartphones und Tablets lösen innerhalb der kommenden Jahre stationäre PCs und Notebooks als primären Zugang zum Internet ab", erläutert Kempf.

Wie der Blick über den europäischen Tellerrand zeigt, ist das Ende der PC-Ära in Entwicklungs- und Schwellenländer schon da. Für viele junge Menschen in Indien und China sind Smartphone und Handy der erste und einzige Zugang zum Netz, da entstehen neue Geschäftsmodelle für alte Branchen. So übernehmen Mobilfunknetzbetreiber zunehmend die Rolle von Banken, weil sie bargeldloses Bezahlen für ihre Kunden abwickeln, die vielleicht kein Konto und keine Kreditkarte haben.

Mit solchen neuen Geschäftsmodellen könnten die Netzbetreiber der nächsten Generation auch mehr sein als schlichte Zugangsanbieter. "Die Carrier sind zu 'dumb pipes' geworden", meint Prentice. "Wir brauchen einen neuen Typus Netzbetreiber". Denn noch müsse weiter in Infrastruktur investiert werden, noch habe bei Weitem nicht jeder einen angemessenen Internetzugang. Der Gartner-Vize rät den Netzbetreibern, mit einem Pfund zu wuchern, das sie bisher vernachlässigt haben: Die eigenen Abrechnungssysteme.

Doch werfen die Branchentrends noch mehr Fragen auf als die, wer für die Infrastruktur zuständig ist. Soziale Netzwerke und mobile Nutzung lassen das Datenaufkommen weltweit wachsen. Auch für Unternehmen stellt sich das Problem, "Big Data" zu verarbeiten – zumal sich ein Großteil davon in der Cloud befinden wird. Doch sollte man nicht nur an die technischen Aspekte der Datenverarbeitung denken, mahnte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP): "Als Liberaler muss ich mich vorher fragen: können wir damit überhaupt umgehen?"

Auch Gartner-Vize Prentice spricht sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten aus. Wo so viele Daten gespeichert werden, müsse man wissen, wer sie kontrolliert. Junge Menschen seien vielleicht sorgloser bei der Herausgabe ihrer Daten. "Doch wird der Wert von etwas oft erst klar, wenn man es weggegeben hat", sagte Prentice.

Das damit angesprochene Thema Datenschutz steht immer im Raum, wenn die Banche über Big Data und Cloud diskutiert. Bitkom-Chef Kempf gibt zu bedenken, dass eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben könne: "Verstöße wird es immer geben," Dennoch wünsche sich auch die Branche einen brauchbaren Datenschutz. Anbieter versuchen derzeit, sich mit für den Verbraucher unverständlichen und unzureichenden Datenschutzerklärungen abzusichern. Davon habe aber niemand wirklich etwas.

Die geplante EU-Datenschutzverordnung kritisierte Kempf als zu sehr in Richtung der sozialen Netzwerke gedacht. Die Vorgabe, dass Kunden ihre kompletten Daten zum nächsten Anbieter mitnehmen zu können, sei für andere IT-Unternehmen eine "völlig irreale Vorstellung". Die Pläne für ein "Recht auf Vergessen" bezeichnete der Bitkom-Präsident als "putzig": "Die Techniker unter uns können den Juristen erklären, dass das nicht funktionieren wird."

Auch beim Schutz von Urheber- und verwandten Rechten werden neue Probleme mit alten und untauglichen Rezepten angegangen, kritisiert der Bitkom-Präsident und nennt als Beispiele die Gema-Lizenzen oder das von den Verlagen gewünschte Leistungsschutzrecht. "Wir stellen das geistige Eigentum nicht in Frage", sagte Kempf. "Aber wir brauchen ganz neue Lizenzmodelle." (vbr)

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