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Trendstudie zur Unterhaltungsindustrie: Streaming wird Downloads ablösen

Im Musikbereich wird Streaming den Download von Songs ersetzen, im Videomarkt wird die Datenübertragung zumindest zum Wachstumstreiber, sind sich Bitkom und Deloitte sicher. Die Netzauslastung sei im Blick zu behalten.

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Dem Streaming gehört im Unterhaltungssektor die Zukunft. Davon gehen der IT-Branchenverband Bitkom und das Beratungshaus Deloitte in ihrer sechsten gemeinsamen Studie zur Entwicklung des Markts für Unterhaltungselektronik aus. Vor allem im Musikbereich werde Streaming nicht nur das Radio "kannibalisieren", sondern auch den Download einzelner Songs oder ganzer Alben ersetzen, erklärte Deloitte-Medienexperte Klaus Böhm zur Präsentation der Analyse am heutigen Mittwoch vor Eröffnung der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin.

Geschätzte Video-on-Demand-Umsätze in Millionen Euro

(Bild: Deloitte)

Die Umsätze mit Musik-Streaming lagen 2013 zwar erst bei recht beschaulichen 68 Millionen Euro und sollen sich in diesem Jahr in etwa verdoppeln. Bis 2020 prognostizieren die Experten aber ein Wachstum bis auf 770 Millionen Euro. "Das wird das wichtigste Standbein für die Musikindustrie", ist sich Böhm sicher. Zumindest für Plattformbetreiber stehe dahinter ein "lebensfähiges Geschäftsmodell". Ob die einzelnen Künstler damit über die Runden kämen, sei aber noch nicht ausgemacht. Trägermedien wie CDs behaupteten sich zumindest als "Sammlerobjekt".

Im Videobereich sieht der Berater Streaming trotz des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks und moderater Kabel-TV-Preise ebenfalls vorm Durchbruch, auch wenn der Umsatz mit Abomodellen 2013 hierzulande erst bei etwa 20 Millionen Euro gelegen habe und sich bis 2020 auf knapp 200 Millionen Euro steigere. Die Deutschen lernten gerade im TV-Geschäft erst langsam, "ein Abonnement für Content abzuschließen", meinte Böhm. Bei Musik bestehe dagegen eine unmittelbare Nachfrage, was eine "andere Dynamik" in den Zahlen erzeuge.

Umsätze mit Musik-Streaming in Deutschland in Millionen Euro

(Bild: Bundesverband Musikindustrie, Deloitte 2014)

Aber auch bei Filmen sei es für manche Nutzer nicht mehr wichtig, sie auf DVD oder Festplatte zu besitzen: "Leihen ist attraktiv und eingeübt in unserer Gesellschaft", erläutert Böhm. Zudem sei damit "ein attraktives Preismodell möglich". Auch Nischeninhalte könnten angeboten werden: Da viele Nutzer gleichzeitig bedient würden, müsse kein Massenmarkt erreicht werden. Vom "Long Tail" könne man so "nicht schlecht leben", solange man zusätzlich mit exklusiven Inhalten aufwarte.

Vor allem Netflix werde mit seinem baldigen Markteintritt hierzulande Bewegung ins Online-Geschäft mit strömenden Videoinhalten bringen, prophezeit der Medienanalyst. Derzeit mache aber noch kein Anbieter große Gewinner und ein für frühe Marktphasen übliches Monopol sei nicht absehbar. Das vom Zuschauer gewünschte "Universum der Inhalte zu liefern, ist eine enorme Herausforderung", erklärte Böhm. Die Schwierigkeiten fingen schon beim Klären und Erwerben der nötigen Urheberrechte an. Eine Konsolidierung unter Video-on-Demand-Anbietern sei aber zwangsläufig, schon jetzt der Preiskampf spürbar.

Die Auslastung hiesiger Netze werde spätestens mit dem Netflix-Start steigen, erwartet der Berater. In den USA sei zu diesem Zeitpunkt die Infrastruktur "teils ziemlich in die Knie gegangen". Böhm sprach daher von einer "Achtung-Situation" für Deutschland. Von dem Argument von Zugangsanbietern, "Spezialdienste" etwa für die Videoübertragung aufsetzen und so die Netzneutralität außen vor lassen zu müssen, hält er trotzdem wenig. Derlei Ausnahmen könnten nicht lang aufrechterhalten werden. "Und wenn jeder auf der Überholspur ist, hat das keinen Effekt." Es sei daher besser, in einem kooperativen Szenario die Infrastrukturen auszubauen.

Die Breitbandversorgung stelle heute teils noch einen Flaschenhals dar, räumte Timm Hoffmann vom Bitkom ein. Die Telekommunikationsanbieter seien aber "Feuer und Flamme" für den Ausbau. "Wir reden in fünf Jahren über Bandbreiten von 5 GBit/s", meinte Hoffmann. Weiße Flecken in der Versorgung und "Täler der Ahnungslosen" würden so immer kleiner.

Laut Bitkom-Umfragen nutzen fast drei Viertel der Internetnutzer ab 14 Jahren in Deutschland Videostreams, Downloads werden weniger wichtig. Auf YouTube und vergleichbare Videoportale gehen bis zu 53 Prozent der Streaming-User, jeder Fünfte setzt auf On-Demand-Portale für Serien und Spielfilme.

Dies verändere die Fernsehgewohnheiten, konstatierte Hoffman: 59 Prozent der Nutzer stimmten der Aussage zu, dass sie sich grundsätzlich vom Fernsehprogramm nicht mehr unter Zeitdruck setzen ließen. 18 Prozent könnten sich vorstellen, komplett auf lineares TV zu verzichten. Darunter seien vor allem Jüngere, die nur noch unter 30 Minuten gängiges Fernsehen pro Tag konsumierten: "Der Trend geht zum eigenen, zusammengestellten Programm."

Bekanntheit und Nutzungsbereitschaft von Smart Glasses und Smartwatches in Deutschland 2013 – 2014

(Bild: Bitkom)

Den Markt bis in die Wohnzimmer hinein treiben dabei Hoffmann zufolge Smartphones und Tablets, die immer mehr mit der Heimelektronik zusammenwüchsen. Insgesamt machten vernetzte Geräte 80 Prozent des Umsatzes mit Unterhaltungselektronik aus, während parallel die Bildschirme für Fernseher immer größer würden: Sechs von zehn verkauften Geräten seien diesem Jahr größer als 40 Zoll.

Weiter als "großes Thema" gelten den Marktbeobachtern zudem Wearables. Die am Körper tragbaren vernetzten Apparate wiesen "bemerkenswerte Steigerungsraten" auf, erläuterte Hoffmann. Von Datenbrillen etwa hätten 40 Prozent der Befragten bereits gehört, jeder Dritte könne sich vorstellen, ein solches Gerät auf der Nase zu haben. Bei "Smart Watches" seien der Bekanntheitsgrad und das Einsatzinteresse noch deutlich höher. Vor allem diese Computeruhren hätten im vergangenen Jahr große Fortschritte bei Design und Funktionalitäten gemacht.

Große Sicherheitsprobleme in der vernetzten Heimelektronikwelt erwartet der Bitkom-Experte nicht. "Bestimmte Geräte werden gehackt", in weiten Teilen sei die Ausrüstung aber sicher, betonte Hoffmann. Das kriminelle Potenzial konzentriere sich in der Regel auf einzelne Person. Die Anbieter hätten ein "riesiges Interesse", dass ihre Plattformen möglichst abgeschirmt sind. (anw)