Menü

Tricksen, täuschen und tarnen im Computermuseum

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 123 Beiträge

Am heutigen Donnerstagabend ist im Paderborner Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) die Sonderschau Krypto & Stegano eröffnet worden. Ausgehend von einer kleinen Geschichte der Chiffriermaschinen erzählt die Ausstellung das Geschäft der Spione und Agenten, aber auch der Staatsgegner verschiedener Regime, die sich im Untergrund bewegen mussten. Die kostenlos zugängliche Ausstellung ist bis zum 6. Dezember geöffnet und soll den Rahmen für einen historischen Cipher Event am 15. und 16. November bilden.

Was haben der Walküre-Befehl Stauffenbergs, die Memoiren von Daniel Cohn-Bendit und der Geheimschriftzirkel Maria Theresias gemeinsam? – Die drei Exponate des HNF beleuchten die Bedeutung versteckter und verschlüsselter Kommunikation. Stauffenberg hatte unmittelbar vor seinem Attentat auf Hitler auf einem in Paderborn ausgestellten Siemens-Geheimschreiber einen Befehl als künftiger Oberkommandierender der Wehrmacht auf einen Lochstreifen gebracht, in dem er die Wehrmachtsdienststellen dazu aufrief, alle Gestapo-Dienststellen zu besetzen und die Konzentrationslager zu öffnen. Das Chiffrat wurde jedoch nie in den Umlauf gebracht.

Ledermappe des MfS mit Pass-Versteck

Daniel Cohn-Bendits Memoiren "Meine wilden Jahre" ist ein Tarnbuch, das der grüne Europapolitiker niemals geschrieben hat. Wer es öffnet, findet eine Sammlung von Bombenbauanleitungen komplett mit den Anweisungen "Richtig Sprengen" der Schweizer Armee. Alles Dinge, die heute im Internet zu finden sind. Das kostbarste Exponat der Ausstellung, ein handballengroßer Geheimschriftzirkel aus dem Jahre 1633, entlockt dem interessierten Besucher von heute, der seine Internet-Mail mit PGP und Co. verschlüsselt, zunächst nur ein Lächeln – bis er vielleicht erkennt, dass die Miniatur-Drehscheiben mit einer Präzision gearbeitet sind, die Handwerker heute womöglich nicht mehr erreichen.

Tarnbücher, Geheimtinte, Erdnägel für One-Time-Pads und sehr seltene Kryptomaschinen wie die Kryha-Liliput im Taschenuhrformat sind im Foyer des HNF versammelt. Die Ausstellung Krypto & Stegano spannt einen sehr weiten Bogen rund um das Thema Geheimkommunikation und ist darum umso interessanter für junge Leute, die nur noch eine Verschlüsselungsschaltfläche in ihrem Mailprogramm kennen – sofern sie überhaupt Verschlüsselung installiert haben.

Ungewöhnliche Exponate aus den Beständen des Bundeskriminalamtes geben Denkanstöße. Gezeigt wird beispielsweise eine in einer Aktentasche eingebaute Robot-Kamera, die ursprünglich für den Luftkrieg entwickelt wurde, damit die Kampfflieger ihre Abschüsse dokumentieren konnten. Statt durch die drehenden Propeller schoss diese Kamera durch die Lamellen des Aktentaschenverschlusses und machte Aufnahmen von RAF-Gründerin Ulrike Meinhof, die sich bei ihrer Verhaftung dem Fotografieren widersetzte. Eine kunstvoll gefertigte Ledermappe des Ministerium für Staatsicherheit der DDR ziert ein Metallverschluss, der so gefertigt ist, dass ein westdeutscher Reisepass mit seinen Metallösen für das Foto auch beim Röntgen nicht entdeckt werden kann, weil der Verschluss die Ösen tarnt – zeitgenössische Anfertigungen müssten den RFID-Chip der Pässe abdecken.

Keine Politiker-Lebensbeichte, sondern Tarnbuch für Bombenbauanleitungen

Derzeit fehlt noch ein wichtiges seltenes Exponat in der Ausstellung, die Chiffriermaschine Lorenz SZ42, die im II. Weltkrieg Nachrichten auf oberster militärischer Kommandoebene verschlüsselte. Sie wird für das Cipher Event am 15. und 16. November gebraucht, bei dem ein Original-Befehl mit ihr verschlüsselt und gefunkt werden soll – um vom Nachbau des Colossus Mark II in der Computerausstellung im englischen Bletchley Park geknackt zu werden.

Hobby-Kryptologen in der ganzen Welt sind dazu aufgerufen, den gefunkten Baudot-Code abzufangen und im Kampf gegen Colussus mit ihren Computerprogrammen zu dechiffrieren. Nach anfänglichen Bedenken haben Bundeskanzleramt und Bundesverteidigungsministerium zugesagt, die einstmals von britischen Truppen konfiszierte Maschine wieder ausreisen zu lassen. Nun warten die Ausstellungsmacher noch auf ein O. K. der Bundesnetzagentur, denn die verschlüsselte Funkerei darf in Deutschland nicht ohne Genehmigung betrieben werden. Dann gilt es noch, ein altes Kontrollgesetz der Alliierten zu meistern, das die Verbeitung von Wehrmachtsbefehlen unter Strafe stellt. Alles Dinge, die heute beim Versenden einer verschlüsselten E-Mail nicht mehr beachtet werden müssen. (Detlef Borchers) / (pmz)

Anzeige
Anzeige