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Türkei-Putsch: Erdogan punktet dank Twitter und Facetime

Bei Protesten gegen die türkische Regierung sind Präsident Recep Tayyip Erdogan soziale Medien immer ein Dorn im Auge, bei dem gescheiterten Putschversuch setzte er Twitter und sein iPhone dagegen nun gezielt ein.

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Youtube und Twitter

(Bild: dpa, Karl-Josef Hildenbrand)

Ein Tweet des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am Freitagabend um 23.38 Uhr hat dem AKP-Mitgründer entscheidend dabei geholfen, seine Macht zu sichern und den Putschversuch gegen ihn zurückzudrängen. Mit der Wortmeldung, die schon jetzt als historisch gelten kann, forderte er seine Anhänger auf, zu den Flughäfen und auf öffentliche Plätze zu kommen, um die Demokratie und den nationalen Willen zu verteidigen.

Über 28.000-mal wurde der Aufruf bisher geteilt, seine Unterstützer verlasen ihn sogar über die Lautsprecher von Minaretten, was wiederum ein recht großes Echo in den sozialen Medien hervorrief. Parallel ruckelten insbesondere über Facebook Live schon Echtzeitstreams von Erdogans Anhängern, wie sie dem dringlichen Appell Folge leisteten, sich auf Straßen und Plätzen versammelten und sich Panzern der Putschisten in den Weg stellten, in denen überwiegend junge, wenig motivierte Soldaten saßen. Letztere waren Medienberichten zufolge teils nur darüber informiert worden, an einer militärischen Übung teilzunehmen.

Erdogan ließ sich noch vor Mitternacht außerdem über Apples Facetime-App für Videotelefonate von seinem iPhone aus in den Nachrichtensender CNN Türk zuschalten, um zumindest ziemlich verpixelt Medienpräsenz zu zeigen und seine Aufrufe zum Widerstand gegen den ins Stocken kommenden Schlag gegen den Staat auszudehnen. Den Putschisten gelang es zwar noch, die Übertragungen der Rundfunkstation via Kabel und Satellit zeitweilig zu unterbrechen, die Live-Streams des Programms über deren Webseite und Facebook liefen aber sogar weiter, als Soldaten die Sendestation stürmten.

Insgesamt konnten Interessierte in der Nacht zum Samstag über die sozialen Netzwerke am besten verfolgen, wie rasch das Blatt sich wendete und der Putschversuch in sich zusammenbrach. Während hierzulande öffentliche Fernsehsender wie Phönix nach kurzen Zusammenfassungen am Freitagabend umfassendere Berichte mitten im Wochenendstart auf den Samstagvormittag um 9.00 Uhr verlegten, war Nutzern sozialer Medien schon deutlich, dass sich die angeblich ebenfalls für die Demokratie und gegen den "Diktator" kämpfenden Putschisten sich wohl nicht durchsetzen können.

Die Ironie bei der Geschichte ist unübersehbar: Erdogan und die türkische Regierung gehören sonst zu den politischen Kräften, die bei schier jedem zivilgesellschaftlichen Protest, bei Anschlägen oder schon bei unliebsamer Kritik soziale Netzwerke wie Twitter oder YouTube zensieren und das Internet oder regierungskritische Sender teils ganz blockieren. Medienorganisationen beklagen regelmäßig gravierende Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit insgesamt in der Türkei, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte im Dezember eine YouTube-Blockade vor Ort. 2014 erklärte Erdogan offen, dass er zunehmend gegen das freie Internet sei.

Auch diesmal registrierte die Beobachterstelle "TurkeyBlocks.org" um 23.00 Uhr am Freitagabend, dass Twitter, Facebook und Googles Videoplattform in der Türkei kurz davor nicht oder nur schwer erreichbar gewesen seien. Es gebe Hinweise darauf, dass seit Beginn des militärischen Aufruhrs am früheren Abend der Zugang zu sozialen Medien für rund zwei Stunden zunächst behindert worden, es aber nicht zu einem allgemeinen "Internet-Blackout" gekommen sei. Ob es sich um gezielte Blockaden handelte und von welcher Seite diese ausgegangen sein könnten, blieb unklar.

Gleichzeitig zu dem Tweet Erdogans lief alles weitgehend wieder und der große Kritiker sozialer Netzwerke konnte sich diese für seine eigenen Zwecke zu Nutze machen. Die US-Bürgerrechtsorganisation Access Now appellierte noch an die Türkei, die sozialen Medien auch während Unruhen trotz der mittlerweile weit ausgebauten Filter- und Blockademöglichkeiten offen zu halten, was sich diesmal aber weitgehend als unnötig herausstellte. (axk)

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