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Twitter-Gewitter aus Mumbai

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Kaum hatten die Terroristen in Indien die ersten Schüsse abgefeuert, brach im Internet ein wahres Twitter-Gewitter aus. Während Nachrichtenagenturen und Fernsehsender die ersten Eilmeldungen verbreiteten, liefen auf der Microblogging-Site Twitter ununterbrochen Kurznachrichten aus Mumbai ein, darunter ungefilterte Live-Berichte vom Ort des Geschehens. Neben Twitter spielten auch Blogs eine Rolle. Wie zuvor beim Tsunami und bei anderen Katastrophen erwiesen sich Online-Foren als schneller und detailreicher als etablierte Medien – aber zugleich auch als unzuverlässiger.

Zwei Tendenzen zeichneten sich ab: Einerseits nutzten traditionelle Medien zunehmend Online-Schreiber als Quelle. Die Sender BBC, CNN und andere Medien kontaktierten in Mumbai beispielsweise gezielt Blogger, um authentische Berichte vom Ort des Geschehens zu bekommen. Andererseits wurde die Infoflut im Netz schnell so unübersichtlich, dass der klassische Journalismus weiterhin unverzichtbar scheint – weil er filtern, überprüfen und einordnen kann. "Ich brauche keine Echtzeit, ich brauche Verlässlichkeit", forderte etwa ein deutscher Blogger.

Im Fall der Bombay-Attentate geisterten etwa Berichte über Anschläge in einem weiteren Hotel durch das Netz, das am Ende gar nicht betroffen war. Es ist auch nicht auszuschließen, dass Komplizen der Terroristen ebenfalls twittern, um mit Falschinformationen Angst und Schrecken weiter zu schüren. Je länger die Ereignisse zurücklagen, desto chaotischer wurden die Kurznachrichten zum Thema Mumbai bei Twitter. Beileidsbekundungen mischten sich mit Hotline-Nummern und Beschimpfungen der Täter. Die meisten Informationen schienen nun von anderen Medien abgeschrieben zu sein – nachprüfbar war das ohnehin nicht. Im Blog von Thomas Knüwer auf der Website der Zeitung Handelsblatt entspann sich in den vergangenen Tagen eine breite Diskussion über Chancen und Gefahren dieser Art des sogenannten Bürgerjournalismus. "Nur wenige Twitter-Quellen sind wirklich seriös, und viele twittern nur, was sie im Fernsehen sehen", schreibt ein Teilnehmer. "Die Frage ist: Können Blogs & Twitter ausgebildete Auslandskorrespondenten ersetzten?", gibt ein anderer zu bedenken, und fügt hinzu, dass es auch weiterhin Bedarf an gut recherchierten Hintergrundgeschichten gibt.

Unterdessen entwickelte sich auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia zu einer schnellen Nachrichtensammlung. Kurz nach den Angriffen hatte der englische Wikipedia-Artikel zu den Anschlägen bereits mehr als 100 Fußnoten und war mit Karten, Chronologien und Fotos versehen.

Auch die Verbreitung von Fotos und Videos im Internet spielt bei Katastrophen eine zunehmend wichtigere Rolle. Ein indischer Blogger namens Vinu veröffentlichte sehr früh eine Fotoserie von den Anschlagsorten auf der Website Flickr. Auf YouTube waren vor allem Mitschnitte von Nachrichtensendungen zu sehen. Und schließlich gibt es noch soziale Websites wie etwa Facebook. Dort geht es nach Ereignissen wie in Bombay allerdings weniger um Nachrichten als vielmehr um den Austausch persönlicher Botschaften. "Ich denke an meine Familie in Bombay", schreibt da jemand – und bekommt umgehend eine Reaktion: "Hoffe, es sind alle ok?" (Ulrike Koltermann, dpa) / (jk)