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Twitter: Von enttäuschenden Nutzeraktivitäten und einem Chef mit guter Laune

Die Zuwächse bei Twitters Usern und Timelineviews sind den institutionellen Anlegern zu gering. CEO Costolo hat aber einen ganz anderen Blick auf die User-Aktivitäten und findet die Zahlen "great".

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Nach der Bekanntgabe von Twitters Quartalszahlen waren die Anleger vom Nutzerwachstum enttäuscht. Außerdem interessierten sich die Finanzen noch für eine andere Kennzahl ganz besonders: Die Timelineviews. Twitter registrierte im ersten Quartal 157 Milliarden Timelineviews. Das sind 15 Prozent mehr als vor einem Jahr. Da aber gleichzeitig die Zahl der aktiven Nutzer um 25 Prozent gestiegen ist, bedeutet dies einen Rückgang der Timelineviews pro aktivem Kunden. Das beunruhigt die Analysten. Denn wird weniger hingeschaut, bieten sich auch weniger Gelegenheiten, Reklame einzublenden.

An manchen Freitagen leisten Twitter-Mitarbeiter gemeinnützíge Arbeit. Die offiziellen Fotos zeigen sie dabei strahlend glücklich.

(Bild: Twitter)

Twitter-Chef Dick Costolo versuchte in einer Telefonkonferenz Dienstagabend diese Bedenken zu zerstreuen. Einerseits sei die Zahl der Retweets und Favourites im Gleichschritt mit den Nutzerzahlen gestiegen. Andererseits habe sich das Benutzerinterface geändert. Statt Tweets ausschließlich in invers chronologischer Reihenfolge zu zeigen, fasst Twitter nun Konversationen zu Threads zusammen. Damit muss ein User nicht mehr so viel hin-und-her-springen, um einer Unterhaltung zu folgen. Das wiederum bedeutet weniger Timelineviews, aber nicht unbedingt weniger Useraktivität.

Die Aktie fiel im nachbörslichen Handel um mehr als elf Prozent auf 37,83 US-Dollar. Das liegt unter dem bisher niedrigsten Tagesschlusskurs von 39,05 Dollar vom 25. November, aber noch deutlich über dem Ausgabepreis des 7. November von 26 Dollar.

Den bisher höchsten Tagesschlusskurs gab es übrigens unmittelbar nach Weihnachten. Am 26. Dezember war Twitter mit 73,31 Dollar aus dem regulären Handel gegangen.

Costolo berichtete, dass neue Twitter-Nutzer im Durchschnitt gleich viele Timelineviews produzieren wie bestehende User. Er findet das "great". Ob das wirklich großartig ist, wissen wohl nur die Twitter-Manager selbst. Vorstellbar ist auch, dass sich neue Mitglieder erst einmal intensiv umschauen, bevor sich ihre Nutzungsrate auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert. Sollte das der typische Fall sein, wäre eine schon zu Beginn niedrigere Nutzungsintensität ein schlechtes Zeichen.

Ein neues MoPub-Angebot vereinfacht die Schaltung von Werbung in Apps, deren Layout zum App-Design passt.

(Bild: MoPub)

Kurz vor dem Börsengang hat Twitter für 350 Millionen Dollar die Werbevermittlung MoPub übernommen. Das beflügelte beim Börsengang das Interesse an den Twitter-Aktien. "Mit der Integration von MoPub erreichen wir jetzt mehr als eine Milliarde iOS und Android Nutzer pro Monat, was uns zu einer der größten Börsen für Werbeschaltungen in Apps auf mobilen Geräten macht", sagte Costolo am Dienstag. Da wäre es doch interessant, zu erfahren, was dieser Geschäftszweig einbringt.

Leider wird das nicht separat ausgewiesen. Der bekannt gegebene Werbeumsatz je 1.000 Timelineviews auf Twitter (1,44 Dollar), multipliziert mit der Zahl der Timelineviews (157 Milliarden) ergibt genau den gesamten Werbeumsatz (226 Millionen Dollar). Daraus lässt sich schließen, dass MoPubs Umsätze in den "sonstigen Einnahmen" enthalten sind. Der finanzielle Beitrag MoPubs wäre also bescheiden.

Twitters durchschnittlicher Umsatz je Kunde beträgt etwa einen Dollar je aktivem Nutzer und Quartal. Facebook hat sich 2010 in dieser Größenordnung bewegt, erreicht inzwischen aber das Doppelte. Zu Facebooks Wachstum hat das 2012 eingeführte Feature "Custom Audience" beigetragen. Twitter bietet es ebenfalls an.

Um eine Custom Audience anzusprechen, händigt der Werbetreibende der Plattform zunächst Daten aus, die seine Kunden oder potenziellen Kunden identifizieren. Das sind in der Regel E-Mail-Adressen. Dann kann er Reklame schalten, die gezielt diesen Nutzern angezeigt wird. Das vermindert Streuverluste erheblich, weshalb Werber mehr zu zahlen bereit sind.

Der Preis dafür ist aber die Offenlegung der Kunden- oder Lead-Listen. Diese Personen anzusprechen kann auch für Mitbewerber wertvoll sein. Und diese Konkurrenten sind nicht selten ebenfalls Werbekunden von Facebook beziehungsweise Twitter. (ds)