Twitter will dezentralen Standard für soziale Netzwerke

Statt geschlossener Plattformen: Twitter-Chef Jack Dorsey kündigt die Arbeit an einem dezentralen Standard für soziale Netzwerke an.

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(Bild: Wachiwit/Shutterstock.com)

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Twitter schickt ein Team von fünf Mitarbeitern los, um einen offenen und dezentralen Standard für soziale Netzwerke zu entwickeln. Dabei möchte Twitter selbst am Ende Client des Standards sein. Ein solcher Schritt, weg von Plattformbetreibern, ist ein hehres Ziel, das CEO Jack Dorsey in einigen Tweets begründet.

Zentralisierte Plattformen kämpften damit, einen weltweit einheitlichen Standard gegen Missbrauch und Falschinformationen zu finden. Die Rolle sozialer Medien verschiebe sich immer mehr weg vom reinen Bereitstellen und gegebenenfalls Löschen von Inhalten, hin zu einer Art Aufmerksamkeitslenker durch die Vorschlagsalgorithmen. Die Themenauswahl hält Dorsey für fragwürdig. Zudem seien diese Algorithmen meist proprietär, so dass man keine Alternativen hätte oder gar bauen könnte – "bisher".

Ob das relativ kleine Twitter-Team einen existierenden offenen Standard nutzen, wie etwa der W3W-Standard ActivityPub, oder einen neuen entwickelt, werde sich erst noch zeigen. Der Aufbau bringe zahlreiche Herausforderungen mit sich und soll möglichst transparent sein – sowie nach den Prinzipien eines offenen und dezentralisierten Internets ablaufen.

Offene Standards sind auch HTTP für Webseiten und SMTP und IMAP für E-Mails. Doch gerade soziale Netzwerke haben die Kommunikation in geschlossene Räume und damit die Hände seiner Betreiber gezogen. Ein Versuch, dem zu entkommen, ist Mastodon, eine quelloffene, standardkonforme, dezentrale Alternative. CCC-Sprecher Frank Rieger verwies bei der diesjährigen re:publica im Rahmen eines Vortrags über hybride Kriegsführung in den Sozialen Medien auf das Kommunikationsmodell. Openbook ist der Versuch, eine werbefreie Open-Source-Alternative zu Facebook zu sein, WTSocial hat Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gestartet. Genutzt werden sie alle aber – zumindest im Vergleich zu den bekannten sozialen Netzwerken – relativ wenig.

Auch die Politik ist sich der Problematik bewusst. Katharina Barley (SPD) sprach sich in ihrer Zeit als Justizministerin und nach dem Datenskandal um Cambridge Analytica, die massenhaft Daten von Facebook abzogen und für personalisierte Wahlwerbung nutzten, dafür aus, Algorithmen sozialer Netzwerke kontrollieren zu wollen und dafür, dass es möglich sein müsse – wie beim Telefonieren auch – über verschiedene Anbieter miteinander kommunizieren zu können.

Twitter ist selbstredend ebenfalls eine geschlossene Plattform. Die einst getroffene Entscheidung dazu stellt Dorsey nun mit seinen Plänen in Frage. Mit einem dezentralen Netzwerk habe Twitter Zugang zu einem größeren Korpus der öffentlichen Debatte und könne sich darauf konzentrieren, offene Empfehlungsalgorithmen zu bauen, die eine gesunde Debatte schaffen und für Innovation sorgen.

(emw)