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US-Filmindustrie will das "analoge Loch stopfen"

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Allmählich lernt die Unterhaltungsindustrie ihre Lektion: Nach dem CSS-Debakel bei Video-DVD und Milliardenverlusten der Musikbranche sollen die Nachfolgeformate besser geschützt werden. Mehrere Schichten digitaler Rechteverwaltung (DRM) und neue Kopierschutzverfahren sollen gemeinsam mit einer Urheberrechtsnovelle digitalen und damit verlustfreien Kopien einen Riegel vorschieben.

Die Motion Picture Association of America (MPAA) schießt nun jedoch möglicherweise übers Ziel hinaus und provoziert Proteste US-amerikanischer Bürgerrechtler. Die MPAA hat ihre Zukunftsvisionen einem Senatskomittee als Content Protection Status Report vorgelegt.

Zum einen fordert darin die "Broadcast Protection Discussion Group" (BPDG), dass Fernsehsender ein "Broadcast flag" mit ausstrahlen müssen, das Kopieren der Inhalte verbietet. Ist das Flag gesetzt, lässt sich ähnlich wie beim Serial Copy Management System (SCMS) der MiniDisk oder dem Copy Protection for Recordable Media (CPRM) keine digitale Kopie der Aufnahme anlegen.

Die MPAA will aber auch das "analoge Loch stopfen" ("plug the analog hole") und so die Verbreitung von Raubkopien etwa über das Internet eindämmen. Egal ob abgefilmter Hollywoodblockbuster oder mit Diktiergerät mitgeschnittene Konzerte, das Material muss zu guter Letzt immer digitalisiert werden. Ebenso ist es bislang möglich, über analoge Umwege qualitativ sehr ansprechende Kopien von Compact Discs oder DVDs anzufertigen, indem man das vom CD- respektive DVD-Player abgespielte Analogsignal mit einer Capture-Karte nach A/D-Wandlung wieder aufnimmt (siehe auch "Kopieren auf Umwegen" c't 02/02) und so etwaige digitale Kopiersperren austrickst.

Den für diese Prozedur benötigten Analog/Digital-Wandlern sollen nach dem Willen der MPAA sogenannte "Cop chips" der Garaus gemacht werden: Entdeckt das mit einem derartigen Chip ausgestattete Aufzeichnungsgerät (etwa ein Camcorder oder MP3-Recorder) ein im Quellmaterial enthaltenes, unsichtbares beziehungsweise unhörbares "Wasserzeichen", verweigert es partout die Aufnahme.

Sollten all diese Schritte tatsächlich greifen, würde sich ein weiteres Problem der Content-Industrie quasi nebenbei erledigen: Filesharing-Diensten wie Kazaa, Gnutella oder eDonkey würden 90 Prozent des Tauschmaterials abhanden kommen.

Die Bürgerrechtler der Electronic Frontier Foundation sehen in diesen Plänen eine bedrohliche Entwicklung: Sie schränkt das Recht auf freie Meinungsäußerung und wissenschaftliche Arbeit ein, weil es unmöglich wäre, selbst Ausschnitte digitaler Bild- und Tondokumente als Zitat im Rahmen einer wissenschaftlichen Diskussion wiederzugeben. Ebenso ist es heutzutage (noch) zulässig, seine eigenen Audio-CDs zu digitalisieren, um sich mit der Musik in Form von MP3s beim Joggen berieseln zu lassen. Setzt sich die MPAA durch, würde das wohl der Vergangenheit angehören.

Am bedrohlichsten scheint aber der politische Einfluss der großen Hollywoodstudios: Natürlich ist es den Film- und Musiklabels nicht zu verdenken, dass sie ihre Inhalte möglichst gut schützen wollen. Dass sie aber die gesamte IT- und Unterhaltungsindustrie zwingen, sich ihrem Diktat zu beugen, ruft verständlicherweise Bürgerrechtler und Verbraucherschützer auf den Plan. Die Consumer-Electronics-Branche lässt sich nämlich nur allzu leicht vor den Karren der Rechteinhaber spannen, weil sie auf deren Inhalte angewiesen ist, um selbst Profit zu machen. (vza)