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US-Mediziner: Computerspiele machen nicht süchtig

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Am Sonntag haben Mediziner auf einer Tagung der American Medical Association (AMA) gegen den Antrag von Kollegen entschieden, eine neue Diagnose "Internet- und Computerspielsucht" in die nächste Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen – DSM-IV) aufzunehmen, das von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben wird. Das DSM-IV ist zwar ein nationales Klassifikationssystem, liegt jedoch auch in deutscher Sprache vor und ist hierzulande neben dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 gebräuchlich.

Ein dem Medizinerverband vorgelegtes Gutachten des Council on Science and Public Health über emotionale Folgen von Computerspielen und deren Auswirkungen auf das Verhalten hatte dies gefordert. Nach Durchsicht der Forschungsliteratur kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass Computerspiele durchaus auch positive Wirkungen haben und zur Ausbildung, zum Wissenserwerb oder zu Therapien eingesetzt werden können. Als mögliche negative Folgen werden herausgehoben, dass Computerspiele körperlich bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung epileptische Anfälle auslösen können und bezogen auf das Verhalten eine Verbindung zwischen Spielen und Gewalt nahe liegt, auch wenn hier Langzeitstudien fehlen. Ob es eine Verbindung mit Aufmerksamkeitsstörungen (ADHD) gibt, sei noch nicht bekannt.

Als psychosoziale Folgen sollen Computerspiele – ähnlich wie die exzessive Benutzung des Internet – eine Abhängigkeit verursachen, die sich mit der im DSM unter den Impulskontrollstörungen aufgenommenen krankhaften Glücksspielsucht vergleichen lasse. Sie sei besonders bei den Online-Rollenspielen für viele Spieler (MMORPG) ausgeprägt, gefährdet seien einsame, sozial am Rande stehende Menschen erfassen, die mit der Wirklichkeit Probleme haben. Empfohlen wird die Aufnahme der Internet- und Computerspielsucht als psychische Störung, auch wenn es bislang ebenso wie für die Verursachung von Aggression für das Bestehen einer Computerspielsucht keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege gibt. Würde Computerspielsucht als psychische Störung gelten, dann wäre es auch leichter, die Kosten für Therapien von den Krankenkassen übernehmen zu lassen. Daneben soll sich die APA dafür einsetzen, dass mehr Forschung über Langzeitfolgen von Internet und Computerspielen gefördert werden. Kinder sollen nicht mehr als zwei Stunden täglich Bildschirmmedien nutzen.

Der dafür zuständige Ausschuss der APA lehnte es ab, exzessive Nutzung von Internet- und Computerspielen als Sucht zu klassifizieren und in die für 2012 geplante Neuauflage des DSM aufzunehmen. Dazu sei erst noch weitere Forschung notwendig. Schon vor der Diskussion hatten die Mediziner, die sich für Computerspielsucht stark machten, einen Rückzieher eingeleitet und nur noch vorgeschlagen, das Thema noch einmal in fünf Jahren bei der Durchsicht der Neuauflage zu diskutieren. Endgültig abgestimmt wird allerdings erst im Laufe der Woche von den 555 Delegierten.

Suchtexperten wie Dr. Stuart Gitlow von der American Society of Addiction Medicine und Mt. Sinai School of Medicine in New York sehen allerdings in einer exzessiven Nutzung von Computerspielen nichts, was "einer komplexen physiologischen Erkrankung wie dem Alkoholismus oder anderen, durch Substanzmissbrauch verursachten Störungen gleicht". Von Sucht könne man bei Computerspielen nicht sprechen. (fr)