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Technology Review

US-Psychologe: Brainstorming funktioniert nicht

Gute Einfälle tauchen oft überraschend oder gar nicht auf. John Kounios hat untersucht, was in solchen Momenten im Gehirn vorgeht – und wie man neuen Einsichten den Weg bereitet.

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John Kounios

„Brainstorming an sich funktioniert nicht“, meint der US-Psychologe John Kounios. „Trotzdem glaube ich, dass es seine Vorzüge hat. Die besten Ideen kommen nicht während eines Brainstormings, sondern danach – zumindest solange man mit Leuten zusammensitzt, mit denen man auch so ein Bier trinken würde.“ In einem Interview mit dem Magazin Technology Review (aktuelle Ausgabe 1/2016 jetzt am Kiosk oder online zu bestellen) spricht Kounios darüber, wie Kreativität und überraschende Einsichten entstehen und wie sie sich hervorlocken lassen.

John Kounios ist Professor für Psychologie an der Drexel University in Philadelphia. Mit zahlreichen Experimenten erforscht er die Grundlagen der Kreativität. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mark Beeman hat er seine Erkenntnisse im Buch „Das Aha-Erlebnis“ zusammengefasst.

„Im Moment einer plötzlichen Eingebung gibt es einen Ausbruch hochfrequenter Gammawellen in der rechten Hemisphäre“, erklärt Kounios im TR-Interview. „Aber ungefähr eine Sekunde vorher blockieren langsame Alphawellen am Hinterkopf das visuelle System. Unsere Interpretation ist die: Auf irgendeine Art spürt das Hirn, dass eine unbewusste Idee bereit ist, ins Bewusstsein zu dringen. Also schaltet es alle Ablenkungen ab, um das Signal-Rausch-Verhältnis zu verbessern.“

Im Labor hat Kounios mit seinen Kollegen untersucht, auf welchen Wegen Menschen bestimmte Aufgaben lösten, zum Beispiel das Finden von Analogien. Einige Probanden gingen das Problem systematisch an, etwa in dem sie verschiedene Möglichkeiten systematisch durchprobierten. Andere hatten plötzlich eine Antwort, ohne erklären zu können, woher. „Viele glauben, dass eine Idee nichts taugt, wenn sie nicht genau herleiten können, wie sie entstanden ist“, so Kounios. „Dabei haben wir in jeder einzelnen Studie festgestellt, dass plötzliche Einsichten genauere Lösungen brachten als ein analytisches Herangehen. Dabei hören die Leute nämlich oft zu früh mit dem Denken auf, um zu erkennen, dass ihre Lösung nicht korrekt ist. Aber unbewusste Prozesse kennen keinen Zeitdruck. Eine Idee dringt erst dann ins Bewusstsein, wenn der Vorgang abgeschlossen ist.“

Oft verhindert die Fokussierung auf eine analytische Lösung allerdings, dass intuitive Lösungen ins Bewusstsein dringen. Kounios: „Als Manager würde ich deshalb niemals ein Meeting ansetzen, auf dem neue Gedanken gleichzeitig gewonnen und bewertet werden sollen.“

Um die Intuition hervorzulocken, empfiehlt Kounios altbekannte Maßnahmen wie Entspannung, Ablenkung und Abwechslung, kommt aber auch zu überraschenden Hinweisen: „Nachtmenschen sind am frühen Morgen am kreativsten und umgekehrt. Wenn Ihr Kreislauf auf dem Tiefpunkt ist, ist auch Ihr analytisches Denken heruntergefahren. Und dieser Mangel an Fokussierung erlaubt es, neue Ideen an die Oberfläche kommen zu lassen.“ Belohnungen und Bestrafungen bringen laut Kounios hingegen wenig: „Sie binden die Aufmerksamkeit und engen sie ein. Und diese verstärkte Fokussierung reduziert die Kreativität.“ (grh)

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