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US-Regierung testet Videoüberwachung mit 3D-Gesichtserkennung

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Das Department of Homeland Security (DHS) hat ein System zur Videoüberwachung entwickeln lassen, das aus bis zu 100 Meter Entfernung mit einem 3D-Verfahren Gesichter erkennen und eine Foto-Fahndung erlauben soll. Dies geht aus jetzt veröffentlichten Dokumenten hervor, die das Electronic Privacy Information Center (EPIC) auf Basis des US-Informationsfreiheitsgesetzes erhalten hat. Sechs Tests hat das Ministerium mit der Technik demnach bisher durchführen lassen, die aber insgesamt noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse brachten: Eine Einsatzempfehlung für "Kunden" wie Polizeibehörden konnte das DHS noch nicht aussprechen.

Den 5,2 Millionen US-Dollar schweren Auftrag zur Entwicklung des "Biometric Optical Surveillance System" (BOSS) hatte die eng mit dem Pentagon zusammenarbeitende Firma Electronic Warfare Associates (EWA) in Washington vor zwei Jahren erhalten. Sie hatte sich als einzige an der Ausschreibung beteiligt und kooperierte unter anderem mit einem Institut für computergestütztes Sehen an der University of Louisville, berichtet die New York Times. Das DHS habe schließlich das Pacific Northwest National Laboratory beauftragt, BOSS in einer Veranstaltungsarena in Kennewick im Bundesstaat Washington zu erproben. Dabei seien die Gesichtsdaten von 30 Freiwilligen in eine Datenbank mit rund 1000 Fotos von Verbrechern eingespeist worden. Es sollte herausgefunden werden, ob die Anwesenheit der Testpersonen zuverlässig zu erkennen sei.

Ein Vertreter von EWA erklärte, dass Treffer mit 80 bis 90 Prozent Wahrscheinlichkeit erzielt werden sollten. Dies habe aber allenfalls bei kürzeren Distanzen hingehauen. Weiter weg seien die Erkennungsraten auf 60 bis 70 Prozent abgefallen. Zudem hätte die Bildverarbeitung anfangs sechs bis acht Minuten gedauert, jetzt sei man bei weniger als 30 Sekunden angekommen, was für Sicherheitszwecke aber immer noch recht hoch sei.

Ginger McCall vom EPIC appellierte trotz der noch mangelnden Einsatzreife des Systems an die Politik, schon jetzt möglichen Anwendungen im Alltag von Polizeibehörden klare Grenzen zu setzen. Die sich rasch entwickelnde Technologie werde immer als Anti-Terror-Instrument ausgegeben, konstatierte die Bürgerrechtlerin. Doch wahrscheinlicher seien Bestrebungen, die Bewegungen großer Bevölkerungsteile zu überwachen und dafür umfassende Datenbanken etwa mit Fotos aus Führerscheinen oder Reisepässen heranzuziehen.

Mit Verfahren zur biometrischen Gesichtserkennung im Rahmen von Videoüberwachung experimentieren Sicherheitsbehörden und Militär seit Jahren, um aus Menschenmassen durch einen Abgleich mit Fahndungsdatenbanken Kriminelle oder mögliche Attentäter herauszupicken. Die traditionellen Systeme beruhen auf einem zweidimensionalen Gesichtsbild. Sie funktionieren gut, wenn die zu identifizierende Person frontal in die Kamera blickt und bereitwillig ein Bild von sich aufnehmen lässt. In Szenarien, in denen diese Kooperationsbereitschaft nicht gegeben ist und ungünstige Lichtverhältnisse herrschen, kommt es zu vielen Aussetzern.

Dies bestätigte ein Feldversuch des Bundeskriminalamts (BKA) zur Foto-Fahndung am Mainzer Hauptbahnhof. Demnach sank die Erkennungsrate nachts bei schlechtem Kunstlicht auf zehn bis 20 Prozent, tagsüber lag sie bei bis zu 60 Prozent. Das BKA verwarf daher zunächst Pläne für eine weitflächigere Nutzung entsprechender Systeme und setzt seitdem ebenfalls auf 3D-Verfahren zur Gesichtserkennung, wie sie hierzulande etwa im Rahmen des Projekts GES-3D vorangetrieben werden.

Dreidimensionale Bilder sollen dabei helfen, eine Gesichtsaufnahme in die gewünschte normierte Position zu bringen und ein Vermessen zu vereinfachen. Es geht um den Ausschluss der Möglichkeit, dass sich zwei Gesichtbilder allein aufgrund einer unterschiedlichen Perspektive des Kopfes ein und derselben Person gravierend unterscheiden. Auch derlei Verfahren stecken aber noch in den Kinderschuhen; die Erkennungsraten sind denen einer zweidimensionalen Vermessung bislang meist unterlegen. (Stefan Krempl) / (jk)

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