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US-Traditionszeitung erscheint nur noch im Netz

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Die Zeitungskrise in den USA fordert ein prominentes Opfer: Am heutigen Dienstag erschien die letzte Ausgabe des Traditionsblatts Seattle Post Intelligencer. Der "PI" war eine von zwei Tageszeitungen in der Westküsten-Metropole Seattle und wurde 1863 als Seattle Gazette gegründet. Nach 146 Jahren stellt die Zeitung ihr Erscheinen ein und soll nun mit dramatisch reduzierter Mannschaft online weiterleben.

Die letzte Ausgabe

(Bild: Seattle PI)

Der Medienkonzern Hearst hatte das Schicksal der Zeitung im Januar angekündigt: Wenn sich innerhalb von zwei Monaten kein Käufer für den Not leidenden PI findet, werde das Verlagshaus "andere Möglichkeiten" in Betracht ziehen. Davon gab es zwei: Entweder überlebt die Zeitung, deren tägliche Auflage zuletzt auf 114.000 Exemplare zurückgegangen war, im Netz, oder sie wird komplett dichtgemacht. Der PI habe seit 2000 Verluste eingefahren, argumentierte Hearst, alleine 2008 sei ein Minus von 14 Millionen US-Dollar angefallen.

Der Übergang des PI zum Online-Medium geht mit tiefen Einschnitten einher: Nur 20 bis 25 der 167 Redaktionsmitglieder werden einen Job bei seattlepi.com bekommen, schreibt das Konkurrenzblatt Seattle Times. Für die größere der Seattler Tageszeitungen, von der Medienkrise ebenfalls nicht unbehelligt, hat das Aus des Wettbewerbers zwar langfristig die Überlebenschancen verbessert. Doch kurzfristig wird die auch Times vom Schicksal des PI schwer getroffen: Nach einem Abkommen hat die Times Company seit 1983 Marketing, Herstellung und Vertrieb für beide Zeitungen übernommen und die Kosten teilen können.

Für seattlepi.com müssen deshalb Anzeigenverkäufer und Vertriebler neu eingestellt werden. Darüber hinaus hat sich das neue Online-Medium die Unterstützung einiger prominenter Blogger gesichert. Das Experiment wird in der Branche genau beobachtet: Der PI ist die bisher größte US-Zeitung, die den Schritt ins Netz versucht. Bisher waren es vor allem kleinere Lokal- oder Regionalzeitungen, bei denen die Druckmaschinen stillgelegt wurden.

Die Bostoner Tageszeitung Christian Science Monitor, bisher mit über 50.000 Exemplaren gedruckt, wird ab April 2009 nur noch online erscheinen. Als der Entschluss dazu im Oktober 2008 fiel, gab es schon Vorbilder. Seit Ende 2007 die Cincinnati Post und ihr Schwesterblatt Kentucky Post eingestellt worden waren, versucht es der Verlag mit der Website kypost.com. Für viel Aufmerksamkeit sorgte auch die 1917 gegründete Capital Times aus Madison (US-Bundesstaat Wisonsin). Das Lokalblatt stellte die tägliche Druckausgabe Ende April 2008 ein und erscheint nun hauptsächlich im Internet sowie mit zwei gedruckten Themenausgaben in der Woche.

Die bisher schwerste Erschütterung der US-Zeitungsbranche war die Pleite der Tribune Company. Im zweitgrößten Zeitungsverlag der USA erscheinen unter anderem die Los Angeles Times und die Chicago Tribune. Auch Schlachtschiffe wie die New York Times geraten zunehmend in schwierige Fahrwasser. Die Mutter aller Zeitungen ist in akuter Finanznot und verkaufte kürzlich knapp die Hälfte ihres neuen Stammhauses am New Yorker Times Square und mietete die 21 Etagen vom neuen Investor zurück. Während zahlreiche Zeitungen noch um ihre Existenz bangen, haben einige den Kampf schon aufgeben.

Ende Februar erschien die Rocky Mountain News aus Denver (US-Bundesstaat Colorado) zum letzten Mal. Das mit einer Auflage von einstmals 400.000 Exemplaren stolze Blatt kam zum Schluss auf immerhin noch 210.000 Stück. Offenbar war das zu wenig, um in der Region gegen die Konkurrenz zu bestehen, die Suche nach einem Investor blieb erfolglos. Am 27. Februar war endgültig Schluss mit der 1859 gegründeten Zeitung, die bis zum Ende auch über ihr eigenes Schicksal berichtete.

Während den Bürgern in Colorados Haupstadt mit der Denver Post immerhin noch eine Alternative bleibt, droht der Großstadt San Francisco der Verlust der einzigen Tageszeitung. Der ebenfalls bei Hearst erscheinende San Francisco Chronicle steht offenbar vor der gleichen Schicksalsentscheidung wie der Seattle Post Intelligencer: Das seit 2001 verlustbringende Blatt muss kräftig sparen, forderte Hearst Ende Februar, und zwar kurzfristig. Sonst müsse der Verlag verkaufen oder die Zeitung schließen. Da sich in schweren Zeiten potenzielle Käufer nicht gerade die Klinke in die Hand geben, wird diese Drohung in San Francisco sehr ernst genommen. Die Gewerkschaften sind zu Zugeständnissen bereit.

Unterdessen rüsten sich die Bürger im Netz für den Zusammenbruch der etablierten Zeitungen. Eine Truppe professioneller Journalisten und Bürgerreporter will die drohende Nachrichtenlücke in San Francisco mit dem Projekt Public Press füllen. Medienexperte Clay Shirky sieht in solchen Unternehmungen einen Versuch, neue Wege für den Journalismus zu finden. "Die Gesellschaft braucht keine Zeitungen. Was wir brauchen, ist Journalismus", schreibt Shirky in einem lesenswerten Beitrag zur Lage des Zeitungsgeschäfts. Journalismus hat eine Zukunft, davon ist Shirky überzeigt. Das aktuell drängende Problem ist nur, dass die alten Systeme schneller kollabieren, als neue bis zur Tragfähigkeit entwickelt werden können. (Volker Briegleb) / (vbr)

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