US-Wahlkampf geht auf Spielkonsolen und im Netz in die heiße Phase

Barack Obama hat als erster Anwärter auf den Chefposten im Weißen Haus Plakatwände in Computerspielen gebucht, während sein Konkurrent McCain weiter mit Copyright-Problemen auf YouTube zu kämpfen hat.

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Von
  • Stefan Krempl

Barack Obama hat als erster US-Präsidentschaftskandidat virtuelle Plakatwände in Computerspielen als Werbefläche für sich entdeckt. Die Anzeigen, die über den Start der Vorwahlphase informieren und auf die Webseite des Demokraten verweisen, laufen in insgesamt 18 Games von Electronic Arts (EA) und werden mit Updates übers Internet geladen. Darunter sind von EA selbst das Autorennen "Burnout Paradise" und das Football-Spiel "Madden NFL 09", aber auch im Musikspiel "Guitar Hero" sollen Obama-Anzeigen auftauchen. Für die populärer werdende "In Game"-Werbung hat die Obama-Kampagne sich auf zehn US-Bundesstaaten konzentriert, in denen bereits Stimmen abgegeben werden können und die besonders umkämpft sind. Es handelt sich um Ohio, Iowa, Indiana, Montana, Wisconsin, North Carolina, Nevada, New Mexico, Florida und Colorado.

"Diese Anzeigen werden uns helfen, die Reichweite von VoteforChange.com zu vergrößern, sodass mehr Menschen dieses einfache Werkzeug zum Auffinden von Wahllokalen für die frühe Stimmabgabe nutzen und ihre Meinung zum Ausdruck bringen", erklärte Obamas Sprecher Nick Shapiro den Ansatz. Über die Kosten für die Werbeschaltung schwieg er sich aus. Eine EA-Sprecherin betonte, dass sich die Spots auf den Billboards in den Spielen an eine Zielgruppe richten würden, "die traditionell schwer zu erreichen sei". Angesprochen werden sollten vor allem junge Männer zwischen 18 und 34 Jahren". Zahlen über die Umsätze, die EA insgesamt mit Werbung in Games generiert, gab der Konzern nicht bekannt. Vor Obama nutzten diese noch vergleichsweise junge Reklameform unter anderem Firmen wie Puma oder Ford. Die Anzeigen des Demokraten sollen bis zum 3. November geschaltet werden, also bis zum Tag vor der Präsidentschaftswahl.

Obamas Konkurrent John McCain hat unterdessen weiter mit Copyright-Problemen zu kämpfen. Mitte August hatte der Rockmusiker Jackson Browne den Republikaner verklagt, weil dieser einen seiner Songs unerlaubt als Hintergrund in einem TV-Werbespot verwendet habe. Auch Künstler und Bands wie die schwedische Pop-Gruppe ABBA und der Sänger John Cougar Mellencamp sollen Probleme damit haben, dass Werke von ihnen für McCain-Werbung genutzt werden. Aber auch den Fernsehsender CBS News hat der Republikaner vor den Kopf gestoßen, weil er ungefragt Ausschnitte aus einer Nachrichtensendung in Videoclips übernommen hat. Zumindest ein Kampagnenvideo, in dem Obama Sexismus nach einem Kommentar über Lippenstift zur Verzierung von Schweinen vorgeworfen wurde (was allgemein als Anspielung auf McCains Vize Sarah Palin und ihren Spruch vom "Pittbull mit Lippenstift" verstanden wurde), ließ CBS bei YouTube auf Basis des Digital Millennium Copyright Act (DMCA) entfernen. Auch Fox News hat sich bereits wegen ähnlicher Materialübernahmen beschwert.

Gegen diese scharfe Handhabung des Urheberrechts protestierte die McCain-Kampagne nun in einem Brief (PDF-Datei) an das Videoportal, den die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) veröffentlicht hat. Demnach sei der Einbau von Zitaten aus Medienbeiträgen völlig legal und von der "Fair Use"-Doktrin gedeckt, die das alleinige Verwertungsrecht aus dem US-Copyright zugunsten der Interessen der Allgemeinheit einschränkt. Die Wahlkämpfer fordern von YouTube, das sich zu einem Hauptaustragungsort des multimedialen Wahlkampfs in den USA entwickelt hat, eine vollständige rechtliche Überprüfung des Umgangs mit politischen Videos und ein Ende der automatischen Entfernung entsprechender Spots nach dem Eingang von Beschwerden auf Basis des DMCA.

Wired hat derweil im Vorfeld des letzten Fernsehduells der beiden Anwärter auf den Chefposten im Weißen Haus am Mittwochabend einzelne Punkte der Technologie- und Netzpolitik Obamas und McCains gegenübergestellt sowie Noten dafür vergeben. In den Bereichen Breitband, Investitionen in "grüne Technik" und Netzneutralität schneidet der Demokrat dabei jeweils besser ab als der Republikaner. Gleichauf liegen beide mit ihren Plänen zur künftigen Nutzung des Funkspektrums und dessen Öffnung etwa für Internetdienste, während McCain mit seiner Linie zur verstärkten Ausgabe von Visa für ausländische Hightech-Arbeiter bei Wired die Nase vorn hat.

Aktuell übertrumpfen sich die beiden Kandidaten im Lichte der Finanzkrise mit Plänen zur Entlastung der Bürger und zur Ankurbelung der Wirtschaft. Der in den Meinungsumfragen mehrere Prozentpunkte hinter seinen Wettbewerber zurückgefallene McCain stellte am gestrigen Dienstag Steuernachlässe und staatliche Hilfen für überschuldete Hauskäufer im Wert von insgesamt 300 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Tags zuvor hatte Obama bereits vorgeschlagen, Zwangsversteigerungen von Privathäusern für 90 Tage auszusetzen und Unternehmen für jeden neu geschaffenen Arbeitsplatz Steuern zu erlassen. Der Plan des Demokraten hat nach Angaben aus seinem Stab einen Umfang von 175 Milliarden US-Dollar über zwei Jahre. Für Spott bei linken Bloggern hat in dem Wettrennen um die Gunst der Wähler über Steuergeschenke die Tatsache gesorgt, dass Politikplattformen im Web den Plan McCains bereits "exklusiv" am Samstag ankündigten, Details dann aber ausblieben und das konkrete Vorhaben erst nach Obamas Vorstoß bekannt gegeben wurde.

Viele US-Medien wie die New York Times, die Los Angeles Times, USA Today oder CNN wollen die Wähler derweil nicht mehr länger warten lassen und bieten ihnen mit dem "Electoral Vote Tracker" ein Spielzeug an, um bereits per Mausklick quasi über den Ausgang der Stimmabgabe zu entscheiden. Die Nutzer können dort vorhersagen, in welchen US-Staaten die Gunst der Urnengänger wohl mehrheitlich auf der Seite Obamas und in welchen sie auf der McCains liegen wird. Generell hat die US-Wahl 2008 laut Christoph Bieber, Politikforscher an der Universität Gießen, eine neue Qualität der politischen Nutzung des Internet mit sich gebracht. Das liege nicht nur daran, dass die US-Medien im Netz breiter berichten würden als noch vor vier Jahren, sagte das Vorstandsmitglied der Initiative politik-digital.de der dpa. Entscheidend sei auch, dass es zusätzlich viel mehr nutzergenerierte Inhalte gebe wie Liveblogs während der TV-Debatten und Nationalkongresse der Parteien sowie Online-Kommentare danach.

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(Stefan Krempl) / (jk)