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USA: Kahlschlag bei Webradios wegen neuer Copyright-Tantiemen

Zum Jahreswechsel ändern sich in den USA die Copyrightgebühren für Webradios. Viele kleine Stationen können sich den Betrieb nicht mehr leisten. Auch die Webradio-Plattform Live365 steht vor dem Aus.

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Frau mit Finger vor dem Mund

Viele kleine, alternative Stationen übertragen vielleicht bald nichts mehr.

(Bild: Katie Tegtmeyer CC-BY 2.0)

Aufgrund höherer Lizenzgebühren für Copyright muss eine Reihe kleiner US-Webradios zum Jahresende den Betrieb einstellen. Mitte Dezember hat die US-Behörde Copyright Royalty Board (CRB) die neuen Gebührenstruktur verfügt, die bereits ab dem Neujahrstag gilt. Und wie RAIN berichtet, stellen die Investoren der Streamingplattform Live365 keine neuen Mittel bereit. Demnach sind die Live365-Büros bereits geräumt, dem Großteil der Belegschaft wurde gekündigt.

Das Copyright Royalty Board ist bei der Bibliothek des US-Kongresses angesiedelt und sitzt im James-Madison-Gebäude in Washington, DC.

Am 16. Dezember hatte das CRB eine neue Gebührenstruktur für Webradiostationen verlautbart. Am Heiligen Abend wurde eine korrigierte Version veröffentlicht (14-CRB-0001-WR "Web IV"). Terrestrische Radiosender zahlen für ihren Webcasts deutlich weniger. Große Anbieter, die nur online ihr Geld verdienen, zahlen dafür ein Stück mehr. Die Situation kleiner Webradiostationen wurde vom CRB indes überhaupt nicht berücksichtigt. Weil ein 2009 errungener Tarif für kleine Webcaster zum Jahresende ausläuft, kommen auf kleine Stationen existenzbedrohend höhere Tantiemen zu. Für die winzigsten Anbieter ändert sich wenig.

Bisher hatte es rund ein Dutzend verschiedener Gebührenmodelle gegeben. Grundsätzlich waren 2015 je Hörer 0,23-0,25 US-Cent je Werkvorführung zu bezahlen. Für so genannte Pureplay-Anbieter wie Pandora galt eine reduzierte Rate von 0,14 US-Cent, sofern der jeweilige Hörer kein Abonnent war. Für nichtkommerzielle Anbieter mit weniger als 1,25 Millionen US-Dollar Jahresumsatz gab es seit 2009 eine Sonderregelung: Statt Tantiemen pro Stream und Hörer durften sie pauschal zwölf Prozent des Umsatzes, mindestens aber sieben Prozent der eigenen Ausgaben, zahlen.

Ab Mitternacht gilt ein einheitlicher Satz von 0,17 US-Cent je Hörer und Stück (0,22 Cent bei Abodiensten). Nur ganz winzige Anbieter, die im Schnitt weniger als 218 Hörer haben, kommen wie bisher mit einer Monatspauschale von 500 US-Dollar davon. Die neuen Tarife gelten bis inklusive 2020 und werden jährlich an die Inflation angepasst.

Allerdings entfällt die alternative Berechnungsmethode für kleine nichtkommerzielle Webcaster ersatzlos. Daher hat eine Reihe von Stationen angekündigt, ihre Streams zum Jahreswechsel einzustellen. Sie können sich die 0,17 Cent je Lied und Hörer nicht leisten. Einige wollen versuchen, den US-Tarifen zu entgehen, in dem sie US-Hörer mittels Geoblocking abschütteln. Wieder andere wollen noch einige Wochen ausharren, in der Hoffnung auf ein Eingreifen des Gesetzgebers. Bislang gibt es aber keine Anzeichen für eine solche Lösung.

Die neue Tarifstruktur trifft auch die wahrscheinlich größte Radiostreaming-Plattform Live365. Sie hostet derzeit Tausende Webradiostationen, die dafür eine Pauschale zahlen. Im Gegenzug übernimmt Live365 neben dem Hosting auch die Zahlung der Copyright-Tantiemen. Weil diese nun enorm ansteigen, rechnet sich das nicht mehr, und Live365 muss diesen Kunden kündigen.

Besonders beliebte Webradios konnten zwar auf Live365 gehostet werden, mussten ihre Tantiemen aber selbst abführen. Aufgrund der neuen Tarifsituation wird auch diese Kundschaft wegbrechen. Vor diesem Hintergrund haben die Investoren beschlossen, Live365 den Geldhahn zuzudrehen.

Das 1999 online gegangene Live365 ruft nun um Hilfe und hofft auf neue Investoren. Doch die Zeit dafür ist extrem knapp. Die wenigen verbliebenen Mitarbeiter halten den Dienst derzeit noch online. Mangels Büro arbeiten sie von zu Hause. Das Firmenblog ist außer Funktion.

Am Verfahren vor dem Copyright Royalty Board haben sich vor allem die Rechteverwerter einerseits und große Streaming-Anbieter andererseits beteiligt. Außerdem waren Bildungseinrichtungen vertreten, weil es an vielen US-Universitäten winzige Webradiostationen gibt. Nicht dabei waren die kleinen, nichtkommerziellen Webcaster.

Denn sie konnten sich das CRB-Verfahren schlicht nicht leisten. Der Sachbearbeiter des CRB soll sich selbst vertretenden Teilnehmern ausnehmend schroff begegnet sein, so dass diese die Segel streichen mussten. "[Ich habe versucht, teilzunehmen.] Der Sachbearbeiter hat mich praktisch 'ausgeschimpft', weil ich mir keinen Anwalt genommen hatte. Ich bin ausgestiegen", berichtete Rusty Hodge heise online. Er ist Gründer und Betreiber der spendenfinanzierten Webradiostationen SomaFM.

"Das Verfahren war teuer und zeitaufwändig, und für einen kleinen Betreiber [wie mich] gab es keine Chance, weiterzumachen", erläuterte Hodge. Er rechnet mit ungefähr 15.000 US-Dollar höheren Copyright-Tantiemen für SomaFM pro Monat. Hodge hofft, mit technischen Maßnahmen gegensteuern zu können: Nach längerer Spielzeit werden Streams automatisch gekappt. Und er möchte Trittbrettfahrer, die SomaFM-Streams mit Werbung versehen und weiterverbreiten, loswerden. Ob die Rechnung aufgeht, liegt auch an der Spendenbereitschaft der Hörer.

UPDATE 4. Jänner 2016, 22:49: Rusty Hodge's Angabe zu höheren Copyright-Tantiemen verdeutlicht. (ds)

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