Menü

Über einen Algorithmus urteilen: KI-Kunst Artistic Intelligence in Hannover

Wer Künstliche Intelligenz hört, denkt meist an Forschung oder Wirtschaft. Wie man damit Kunst erschafft, zeigt eine neue Ausstellung des Kunstvereins Hannover.

vorlesen Drucken Kommentare lesen

(Bild: Arcangelo Sassolino »Untitled«, 2006 / 2007 Foto: Federico Perezzani, Fausto Caliari
Courtesy Galleria Continua and Galerie Rolando Anselmi)

Mit einer neuen Ausstellung des Kunstvereins Hannovers wird vom 04. Mai bis zum 30. Juni ein hochaktuelles Thema aus der technischen Welt künstlerisch aufgerollt. Im Fokus steht der Einfluss des digitalen Wandels, der sich thematisch an die beiden vorausgegangenen Ausstellungen "Digital Conditions" (2015) und "Digital Archives" (2016) einreiht. Insgesamt 11 internationale Künstler*innen präsentieren ihre Exponate, darunter: einen hydraulischen Greifarm, mehrere Video-Installationen, KI generierte Bilder und ein Zeichen-Duett zwischen Mensch und Maschine als Live-Performance.

Im Mittelpunkt steht somit die KI, die entweder als Sujet im Werk auftaucht oder als praktisches Hilfsmittel zur Entstehung des Werkes fungiert. Die von Sergey Harutoonian kuratierte Ausstellung versucht der Frage auf den Grund zu gehen, inwieweit die KI den Künstler*innen im Schaffungsprozess behilflich sein kann.

Die britische Künstlerin Anna Ridler zeigt in ihrem Werk "Mosaic Virus" (2018), wie sie mit Hilfe von GAN (Generative Adversial Neuronal Networks) unterschiedliche animierte Tulpen generiert. Aus einem Datenpool von 10.000 Fotos entsteht ein modernes Stillleben, dessen Blütezeit und Farbgebung sich an dem aktuellen Börsenkurs der Kryptowährung Bitcoin orientiert.

Matthew Plummer-Fernandez verzerrt grafisch in seinem Werk "The Codification of Leadership" (2014) drei unterschiedliche Portraits des damaligen U.S. Präsidenten George W. Bush mit Hilfe einer algorithmischen Hilfsfunktion des Grafikprogramms Adobe Photoshop.

Interessant ist auch die Live Performance der chinesisch-kanadischen Künstlerin Sougwen Chung, in der zwei Roboterarme in einem Duett mit der Künstlerin eine Zeichnung anfertigen. Die Maschinen synchronisieren die Zeichenbewegungen der Künstlerin und antizipieren zeichnerische Entscheidungen, wodurch sie menschliche Kreativität simulieren.

Artistic Intelligence (6 Bilder)

Anna Ridler »Mosaic Virus«, 2018 GAN (Generative Adversial Neural Networks)
Courtesy die Künstlerin

Im Gespräch mit der Direktorin des Kunstvereins Hannovers, Kathleen Rahn, und den Künstlerinnen, Anna Ridler, Helen Knowles und Sougwen Chung wird die Rolle der KI als Hilfsmittel zur Generierung von Kunstwerken auch mit traditionellen Künstlern des 17. Jahrhunderts und ihren Werkstätten verglichen. Auch ein Jan Vermeer (1632 - 1675) hat nicht alle seine Bilder komplett selbst gemalt. Wie weitreichend die Auswirkungen dieser kreativen Einsetzung der KI sein wird, wird sich im kunsthistorischen Kontext erst in der Zukunft zeigen.

Im Vordergrund steht auch die Intention des Künstlers: Helen Knowles skizziert in ihrem 45-minütigen Film "Trial of Superdebthunterbot" (2016) ein düsteres Szenario, in der ein Inkasso-Bot vor Gericht sitzt. Die Anklage lautet fahrlässige Tötung, da Aufgrund eines Irrtums fünf Menschen ums Leben gekommen sind. Um die fiktive Handlung in einen realistischen Rahmen einzubinden, kann der Ausstellungsbesucher auf einer Geschworenenbank Platz nehmen und sich ein Urteil bilden. Zusätzlich wird die Installation durch fünf Gerichtszeichnungen ergänzt, die einen authentischen Nachdruck beim Betrachter erzeugen sollen. Die Künstlerin stellt somit die Ethik-Frage in Verbindung mit der KI in den Raum.

Die Ausstellung wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm ergänzt: es werden themenbezogene Filme im Künstlerhaus gezeigt. Unter anderem wird auch c't-Chefredakteur Jürgen Rink einen Vortrag zu den technischen Möglichkeiten von KI in der Zukunft geben. Darüber hinaus wird Pina Merkert (ebenfalls c't) einen Sonder-Workshop zur Entstehung von KI leiten (Fr., 21.06.2019). (oml)