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Umbau bei Volkswagen: Markenchef Diess soll CEO Müller beerben

Zweieinhalb Jahre nach dem Beginn von “Dieselgate” steht Volkswagen vor dem nächsten Führungswechsel. Herbert Diess wird der neue starke Mann in Wolfsburg. Doch für Noch-Konzernchef Matthias Müller muss das nicht die Endstation beim Autobauer sein.

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Umbau bei Volkswagen: Markenchef Diess soll CEO Müller beerben

VW-Markenchef Diess soll der neue starke Mann im Konzern werden.

(Bild: VW)

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Es ist einer der aufreibendsten Jobs in der Autobranche. Als VW-Chef steht Matthias Müller im Diesel-Skandal unter der Dauerbeobachtung von Medien, Investoren und Ermittlern. Und das ist nur das heikelste und vielen heiklen Themen, mit denen der Lenker des größten Autokonzerns der Welt täglich zu tun hat.

Kurz nachdem im Herbst 2015 die Manipulationen an Millionen Dieselwagen bekannt wurden, übernahm Müller vom tief getroffenen Martin Winterkorn das Ruder in Wolfsburg. Jetzt steht er selbst vor der Ablösung an der Spitze der VW-Gruppe. Sein Nachfolger soll Kernmarken-Chef Herbert Diess werden, wie es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats und des Managements heißt.

Die Nachricht schlug am Dienstagnachmittag ein. Volkswagen denke über Umbaumaßnahmen im Vorstand nach, erklärte das Unternehmen zunächst nur recht allgemein und etwas kryptisch. “Dazu könnte auch eine Veränderung im Amt des Vorstandsvorsitzenden gehören.” Mehrere Medien wie das Handelsblatt berichteten über das Thema.

Aber steht tatsächlich der harte Schnitt bevor, nach dem es aussieht? Ob der 64-jährige Müller am Ende wirklich gehen muss, ist bis auf Weiteres unklar. Eigentlich läuft sein Vertrag bis 2020. Noch ziehen die mächtigen Kontrolleure ihre Strippen: die Mehrheitseigner der Familien Porsche und Piëch, die Arbeitnehmer um Betriebsratschef Bernd Osterloh, das Land Niedersachsen, das Scheichtum Katar.

Aus dem Umfeld der Aufseher ist zu hören, dass verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Eines könnte die stärkere Aufteilung des Zwölf-Marken-Konzerns in eine Premiumgruppe mit Audi, Porsche & Co. auf der einen sowie eine Volumengruppe mit VW, Skoda und Seat auf der anderen Seite sein. Schon Vorgänger Winterkorn hatte ähnliche Gedanken, als er 2007 sein Amt antrat. Das mündete dann zwar in eine engere Zusammenarbeit der Marken bei der Entwicklung. Sie blieben aber weiter unter einem Konzerndach mit dem Machtzentrum Wolfsburg.

Eine stärkere Selbstständigkeit hatte Müller selbst in seiner Amtszeit angestoßen, auch wenn er nicht der Erfinder dieser Strategie war. Bei Volkswagen können die Einzelmarken zwar theoretisch im Einkauf oder bei der Entwicklung ihre Marktmacht bündeln – allerdings ist das VW-Imperium über die Jahre auch immer unübersichtlicher und schwieriger zu organisieren geworden. Hinter vorgehaltener Hand stöhnten viele Beschäftigte über ausufernden Zentralismus, allzu kleinteilige Vorgaben und nach wie vor starre Hierarchien.

Der Diesel-Skandal 2015 war der Anlass, vieles bei VW auf den Prüfstand zu stellen. In diesem Sinne wollte Müller die schwere Krise auch als Weckruf oder Chance verstanden wissen. Als Vorstandschef schob er Reformen zumindest an. Eine neue Führungskultur, etwa mit regelmäßigen Sprechstunden auch für einfache Arbeiter und Angestellte. Mehr Eigenständigkeit von Marken und Regionen.

Doch er trat auch immer wieder in Fettnäpfchen. Als Kunden, Politiker und Aufsichtsbehörden kurz nach dem Bekanntwerden der Manipulationen eine Entschuldigung erwarteten, ging Müller in einem Radiointerview in Abwehrhaltung. VW habe in der Affäre bloß Gesetze falsch ausgelegt – der Abgas-Skandal sei kein ethisches, sondern eher ein rein „technisches Problem“. Es folgte ein Sturm der Entrüstung. Später polterte er gegen aus seiner Sicht unfaire Medienberichterstattung.

Zuletzt brachte Müller in einem Interview ein Ende der Steuerprivilegien für Dieselautos ins Spiel. Die Branche, die so lange wie möglich gutes Geld mit den teureren Wagen verdienen will, war entsetzt.

Und auch beim Reizthema Vorstandsgehälter machte er nicht immer eine glückliche Figur. Auf die Frage etwa, wie er denn die Erhöhung seiner Jahresbezüge von 7,2 auf 10,1 Millionen Euro von 2016 auf 2017 rechtfertige, antwortet er bei der Vorlage der Zahlen Mitte März lapidar: Da sei ja der Aufsichtsrat zuständig. Kanzlerin Angela Merkel gab sich „erstaunt“ über das Gehaltsplus, der neue Verkehrsminister Andreas Scheuer forderte „eine höhere Sensibilität“.

Sein möglicher Nachfolger ist ein ganz anderer Typ. Der einstige BMW-Manager Herbert Diess (59) spricht eher leise und ist zumindest nach außen das Gegenteil von einem Heißsporn. Den Konflikt – vor allem mit den Arbeitnehmervertretern – scheut er allerdings nicht.

Vor allem hat Diess bei der VW-Kernmarke als Chef einiges in Bewegung gebracht und der chronisch ertragsschwachen Sparte rund um Golf, Passat, Tiguan und Touareg hohe Ziele gesetzt. Bislang konnte er liefern. Die Ertragskraft der Marke hat sich in seiner Amtszeit spürbar erhöht, obwohl sie weiter unter dem Wert vieler Konkurrenten liegt. Mit dem ebenfalls mächtigen Betriebsrat um Bernd Osterloh schloss Diess nach heftigen Scharmützeln rund um das Sparprogramm „Zukunftspakt“ eine Art Burgfrieden.

Welche Rolle spielt der Ex-BMW-Mann künftig genau? Auch in einem Konzern mit einer Premium- und einer Volumengruppe müsste am Ende einer das letzte Wort haben, heißt es aus dem VW-Umfeld. Für Matthias Müller muss der Umbau derweil nicht das Ende seiner Karriere bedeuten. Er habe grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, am Umbau mitzuwirken. Derzeit sei offen, ob es zu einer „Weiterentwicklung der Führungsstruktur oder zu personellen Veränderungen im Vorstand“ kommt. Es sieht also eher nach einem geordneten Übergang oder Abschied auf Raten aus – ein Rauswurf klingt anders. (Felix Frieler und Jan Petermann, dpa) / (vbr)

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