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Umstrittener Verbraucherschutz mit Ökosiegel für Handys

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Gesundheitsschäden durch Mobiltelefone -- der Verdacht hält sich hartnäckig. Obwohl bislang die Schädlichkeit von Elektrosmog, speziell Handy-Strahlung nicht nachgewiesen ist, wachsen in Deutschland angesichts von rund 56 Millionen Handy-Nutzern und der bevorstehenden Einführung der UMTS-Technik die Bedenken, ob die Handy-Strahlung womöglich das Krebsrisiko erhöht. Das Bundesumweltministerium in Berlin drängt daher die Mobilfunkindustrie zur stärkeren Berücksichtigung des Verbraucherschutzes: Im Dezember 2001 hat die Behörde mit den Netzbetreibern vereinbart, strahlungsarme Handys mit einem "Ökosiegel" zu kennzeichnen. Doch Experten bezweifeln, dass damit wirklich mehr Verbraucherschutz erreicht wird.

Kern der Vereinbarung ist nach Auskunft von Frauke Stamer, Pressesprecherin des Umweltministeriums, die Selbstverpflichtung der Mobilfunkbetreiber zur besseren Verbraucherinformation: "Die Strahlungsintensität der Geräte soll verbraucherfreundlich und transparent veröffentlicht werden." Dafür sollten die Netzbetreiber gemeinsam mit den Handy-Herstellern für Geräte mit einer geringen "Spezifischen Absorptionsrate" (SAR) ein Qualitätssiegel entwickeln. Die SAR gibt die aufgenommene Leistung pro Kilogramm Körpermasse an.

Der gesetzlich vorgeschriebene Grenzwert liegt in Deutschland bei zwei Watt pro Kilogramm Körpermasse. Damit sei grundsätzlich ein ausreichender Schutz vor Gesundheitsgefahren gegeben, sagt Stamer. Das habe ein Gutachten der Strahlenschutzkommission des Bundes im September 2001 festgestellt. Da es jedoch noch offene Fragen zur Wirkung der ausgestrahlten elektromagnetischen Felder auf die Gesundheit gibt, empfiehlt das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter, vorsorglich die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten -- etwa durch die Verwendung strahlungsarmer Handys.

Das Siegel gilt im Bundesumweltministerium daher auch als Beitrag zum vorsorglichen Verbraucherschutz: Es könne beim Kauf die Wahl eines strahlungsarmen Gerätes erleichtern, sagt Stamer. Von welchem SAR-Wert an es vergeben werden und wie es aussehen soll, müsse noch zwischen Netzbetreibern und Herstellern geklärt werden. "Bundesumweltminister Jürgen Trittin will sich aber dafür einsetzen, dass das Ökosiegel auf dem Handy zu sehen ist", sagt Stamer. Da kein Zeitplan festgelegt wurde, ist fraglich, ob es noch rechtzeitig zur CeBIT eingeführt wird.

Die Mobilfunkbetreiber scheinen vom Ökosiegel jedoch nicht recht überzeugt zu sein. "Das Label war von der Politik gewünscht, wir kommen dem Wunsch nach", sagt Philipp Schindera, Pressesprecher des Mobilfunkbetreibers T-Mobile in Bonn. Auch Thomas Scharfstädt, Pressesprecher des Mobilfunkunternehmens E-Plus in Düsseldorf, bleibt skeptisch: "Ich wüsste nicht, was ich damit anfangen soll. Das Handy wird dadurch erklärungsbedürftiger." Laut Scharfstädt ist der SAR-Wert nicht so einfach zu messen wie etwa der Abgaswert beim Auto. Die Strahlungsleistung sei relativ: Je nach Empfangsbedingungen könne ein Handy mit niedrigem SAR-Wert auch stärker abstrahlen als ein leistungsstärkeres Gerät. Zudem sei die Sendeleistung abhängig vom Mobilfunknetz. Ein E-Netz-Handy sende mit maximal einem Watt, ein D-Netz-Handy mit maximal zwei Watt. Ein "Ökosiegel" erfordere daher auch eine intensivere Verkaufsberatung.

Der Mobilfunkbetreiber D2 Vodafone in Düsseldorf denkt angesichts der bevorstehenden Einführung des "Ökosiegels" bereits über ein neues Informationskonzept nach, so Pressesprecherin Susanne Satzer-Spree. Fragen zum Thema Handy und Gesundheit können Kunden bereits jetzt -- wie auch beim Konkurrenten E-Plus -- bei einer kostenlosen Hotline loswerden. Gesundheitsgefahren beim Mobiltelefonieren schließt E-Plus-Sprecher Scharfstädt jedoch aus: "Es gibt heute kein gefährliches Handy auf dem Markt." Aus diesem Grund hält Nina Lenders, Pressesprecherin von Nokia Deutschland mit Sitz in Düsseldorf, das Siegel schlicht für "überflüssig": Alle Nokia-Geräte entsprächen den gesetzlichen Grenzwerten und seit Oktober 2001 würden zudem die SAR-Werte aller neuen Handys in der Bedienungsanleitung und im Internet veröffentlicht. Ähnliches gilt laut Unternehmenssprecherin Andrea Rohmeder auch für den Handy-Hersteller Siemens in München.

Die Mobilfunkexperten von Stiftung Warentest in Berlin hingegen halten ein Qualitätssiegel für strahlungsarme Handys grundsätzlich für hilfreich. Beim geplanten "Ökosiegel" ist ihnen allerdings auch nicht wohl: "Sich auf irgendein Qualitätssiegel zu einigen, ist nicht sinnvoll", sagt Handy-Fachmann Peter Knaak. Der Handy-Markt sei international ausgerichtet, daher könne sich ein nationales Label kaum durchsetzen. Zudem müsste ein Qualitätssiegel transparente Kriterien wie nachvollziehbare Messmethoden und Grenzwerte einbeziehen. Beim "Ökosiegel" sei das alles nicht gegeben.

Am besten könnten sich Verbraucher daher derzeit noch im Internet informieren, so Knaak. Die Website handywerte.de gebe einen guten Überblick über die SAR-Werte der gängigsten Handys und erkläre auch, wie sie gemessen worden seien. Laut Knaak hätte sich als deutsches Qualitätssiegel das international anerkannte schwedische Gütesiegel "TCO 99" eher angeboten. Es sehe für Elektrogeräte eine maximale Abstrahlung von 0,8 Watt pro Kilogramm vor, sei bei Monitoren und Computern längst etabliert und könne ohne weiteres auch auf Handys angewandt werden. Knaaks Kommentar zum geplanten "Ökosiegel": "Die haben lange gebraucht, um nichts zu Stande zu bringen." (Felix Rehwald, dpa) / (Felix Rehwald, dpa) / (jk)

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