Umwelt-Digitalagenda: Pflicht für austauschbare Handy-Akkus und Updates

Umweltministerin Svenja Schulze will mit rund 70 Maßnahmen dafür sorgen, dass unter anderem Smartphones, Streaming und Online-Shopping grüner werden.

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IT sollte reparierbarer und langlebiger sein, meint die Bundesumweltministerin.

(Bild: PK Studio/Shutterstock.com)

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Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat die IT-Branche zu mehr ernsthaftem Klimaschutz aufgefordert. "Ungesteuert wird die Digitalisierung zum Klimaproblem", sagte die Sozialdemokratin am Montag bei der Vorstellung ihrer "umweltpolitischen Digitalagenda" in Berlin. "Umweltschutz gehört in jeden Algorithmus." Nur mit den richtigen Leitplanken könne die Digitalisierung helfen, den Klimawandel einzudämmen und das Artensterben zu stoppen.

Digitale Technologien und Infrastrukturen "hinterlassen einen erheblichen und wachsenden ökologischen Fußabdruck", heißt es im Umweltministerium. Rechenzentren seien für rund 20 Prozent des Energieverbrauchs der Digitalisierung weltweit verantwortlich. Rund vier Prozent der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen gingen auf das Konto der IT. 2025 könnte der CO2-Ausstoß durch digitale Produkte und Dienste sogar mit dem weltweiten Autoverkehr gleichziehen.

Schulze hatte die Eckpunkte ihrer Agenda auf der re:publica im Mai 2019 skizziert und gewarnt, dass die Digitalisierung zum "Brandbeschleuniger für den Klimawandel" werden könnte. Nun will sie helfen, den Hebel mit 70 konkreten Maßnahmen umzulegen. Dabei räumte die Ministerin ein, dass es sich bei dem Papier um Pionierarbeit handle und noch ein langer Weg nötig sei, um die darin enthaltenen Ansätze umzusetzen.

Smartphones und Tablets sollen demnach nicht länger ein Wegwerfprodukt sein, sondern "ein längeres Leben bekommen". Im Rahmen der EU-Ökodesign-Richtlinie soll der Ministerin zufolge vorgeschrieben werden, "dass Hersteller Akkus und Displays austauschbar machen müssen". Darüber hinaus will sie die Industrie verpflichten, Ersatzteile und Updates für einen bestimmten, noch zu definierenden Zeitraum anzubieten. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) brachte dafür jüngst fünf Jahre ins Spiel.

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Auch Anbieter von Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon oder Apple will die Ministerin "zum Beispiel im Rahmen einer Selbstverpflichtung" dazu bewegen, Rechenzentren zu 100 Prozent mit Ökostrom zu betreiben und die Abwärme sinnvoll zu nutzen. Zudem sollte das Autoplay standardmäßig deaktiviert sein und Videos nur in der Qualität angeboten werden, "die zum Endgerät passt und für das menschliche Auge überhaupt wahrnehmbar ist". Schulze unterstrich: "Es muss nicht immer die beste Auflösung sein."

Ferner enthält die Agenda Vorschläge für umweltfreundlicheres Online-Shopping. Auch hier setzt Schulze zunächst auf die Selbstregulierung von Anbietern, die etwa Umweltschutzkriterien in ihre Such-Algorithmen einbauen oder Produkte mit dem Blauen Engel gesondert anzeigen sollen. Große Chancen sieht das Ministerium in einem "digitalen Produktpass", der Information zu verwendeten Materialien, Produktionsbedingungen, Reparaturfähigkeit, Ersatzteilen und Entsorgung enthält. Diesen Ansatz will das Ressort auf europäischer Ebene vorantreiben.

"Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine riesige Herausforderung – ohne Digitalisierung werden wir sie nicht bewältigen", begrüßte der Präsident des IT-Verbands Bitkom, Achim Berg, die Initiative. Diese erkenne "digitale Technologien als wirksame und notwendige Instrumente für mehr Nachhaltigkeit an". Digitale Anwendungen und Geschäftsmodelle müssten aber auch "politisch gezielt flankiert werden, damit sie in die Fläche kommen und so möglichst schnell ihre Wirkung entfalten können".

Berg plädiert hier etwa für eine "zentrale Umweltcloud, in der Umweltdaten öffentlich zur Verfügung gestellt werden". Die Bundesregierung müsse zudem "den Ausbau erneuerbarer Energien massiv vorantreiben". Béla Waldhauser, Sprecher der vor zwei Jahren unter dem Dach des eco-Verbands gegründeten Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen, versicherte, dass für die Mitglieder eine "nachhaltige Energie- und Ressourceneffizienz" bereits im Vordergrund stehe. Man habe erste Lösungen etwa zur industriellen Abwärmenutzung vorgestellt und arbeite daran, "neue Methoden und Innovationen in diesem Bereich am Markt zu etablieren". (vbr)