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Umweltbundesamt warnt vor RFID-Tags im Müll

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Für Produktions- und Transport-Logistiker sind sie ein Segen, Identitätsmanager erhoffen sich von ihnen mehr Sicherheit, und Datenschützer betrachten sie eher mit Argwohn: RFID-Tags, die immer häufiger im täglichen Leben auftauchen. Doch was tun, wenn die inzwischen nur noch ein paar Cent teuren Funk-Labels ihre Aufgabe erfüllt haben? Was passiert, wenn RFID-Tags in Form von Smart Labeln künftig milliardenfach mit dem Hausmüll entsorgt werden? Mit solchen Fragen haben sich das Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) sowie die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ein Jahr lang beschäftigt. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Studie "Einfluss von RFID-Tags auf die Abfallentsorgung – Prognose möglicher Auswirkungen eines massenhaften Einsatzes von RFID-Tags im Konsumgüterbereich auf die Umwelt und die Abfallentsorgung" (PDF-Datei) veröffentlicht.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Smart Labels auf Basis der passiven Radio Frequency Identification (RFID) bis zum Jahr 2022 je nach Anwendungsbereich "Einsatzpotenziale von über einer Million bis hin zu einer Milliarde Tags pro Jahr" haben werden. Als künftige "Killerapplikationen" führen sie unter anderem Einweggetränke- und Lebensmittelverpackungen, Briefe oder auch Banknoten an. Nun wird wohl kaum jemand auf die Idee kommen, seine Geldscheine über den Hausmüll zu entsorgen – aber wenn man (wie das IZT) allein von 170 Milliarden Einwegverpackungen für Lebensmittelprodukte des privaten Endverbrauchs ausgeht, die in den kommenden Jahren mit RFID-Tags versehen werden könnten, dürften die kleinen Funkchips die Entsorgungssysteme in Zukunft durchaus vor Probleme stellen. Denn enthalten sind in ihnen Stoffe wie Acrylat (Klebstoff), Silizium (IC), Kupfer, Aluminium und Silber (Antennen), Epoxidharze, Nickel oder PET (Polyethylenterephthalat).

Betrachtet wurde für die Studie nun, wie sich die einzelnen RFID-Tag-Bestandteile bei einer massenhaften Hausmüll-Entsorgung auf unterschiedliche Recyclingprozesse auswirken könnten – zum Beispiel auf Glas, PPK (Papier, Pappe, Kartonagen), Kunststoffe, Aluminium und Weißblech oder den Restmüll. Bei Glas etwa gehen die Wissenschaftler davon aus, dass eine "drastische Qualitätsverschlechterung des Rezyklates" als Folge des Aufbrechens von Tags in Aufbereitungsprozessen möglich ist. Die in den Tags verarbeiteten Metalle könnten unerwünschte Verfärbungen des Sekundärrohstoffes hervorrufen und die Bruchgefahr des Glases erhöhen. Für PPK rechnen die Experten mit einer Nichtausscheidungsrate von bis zwei Prozent der Tags während der Recyclingprozesse, was zu Verunreinigungen, Verklumpungen und das Verstopfen von Sieben durch Acrylate führen könnte. Bei den Kunststoffen seien die Verarbeitungsprozesse gegebenenfalls "durch den ganzen RFID-Tag beziehungsweise durch die Metallantenne behindert", heißt es weiter. Beim Aluminium- und Weißblech-Recycling würden hingegen keine nennenswerten Auswirkungen der RFID-Komponenten auf die Recyclingprozesse auftreten – "die RFID-Tags verbrennen im Prozess".

Das Umweltbundesamt (UBA), das die Studie in Auftrag gegeben hatte, mahnt nun an, dass "ohne Vorsorge" der Eintrag von Störstoffen bereits ab Mitte des nächsten Jahrzehnts ein Maß erreichen könnte, das "für das Recycling kritisch" ist. RFID-Tags sollten deshalb "auf jeden Fall ökologischer" werden. Dabei böten sich metallfreie Varianten ebenso an, wie besser ablösbare oder auf den Banderolen von Flaschen statt auf dem Glas angebrachte Tags. Das Umweltbundesamt selbst rechnet für das Jahr 2020 mit 23 Milliarden RFID-Tags, die allein in Deutschland dann auf Waren im Umlauf sind – sollten weitere Anwendungsbereiche wie zum Beispiel das Medikamenten-Tracking hinzukommen, könnten diese Mengen schon früher erreicht werden. Und gelinge es der Recyclingindustrie bis dahin nicht, die Tags von den Verpackungen zu entfernen und separat aufzubereiten, würden der Volkswirtschaft allein Metalle im Wert von zirka 40 Millionen Euro jährlich verloren gehen. (pmz)