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Unbezahlte Freiwillige der Schlüssel zum AOL-Erfolg

Während rundherum die Begeisterung in der New Economy im gleichen Maße schrumpft wie sich die Misserfolge häufen, blickt AOL nach der Fusion mit Time Warner optimistischer denn je zuvor in die Zukunft. Das Wirtschaftsmagazin Forbes stellt jetzt in einem ausführlichen Bericht [1] die These auf, dass die Arbeit von Freiwilligen der eigentliche Schlüssel zum Erfolg des führenden Internetunternehmens sei. Während einige, nicht zuletzt Gründer Steve Case, mit dem Aufstieg von AOL reich wurden, ging die große Zahl der Freiwilligen finanziell bisher leer aus. Laut Forbes verlangen jetzt einige von ihnen vor Gericht einen Ausgleich.

Was dabei herauskommt, könnte neben dem Wert von AOL auch die Zukunft der gesamten Hightech-Industrie ändern. AOL ist nur das größte, nicht aber das einzige Unternehmen, das nach Ansicht von Rechtsexperten am Rande des Arbeitsrechts agiert. Der darauf spezialisierte Rechtsanwalt Leon Greenberg erhebt laut Forbes Klage gegen AOL. In seiner Gruppenklage mit Tausenden früherer und heutiger Freiwilliger als potenziellen Mitstreitern [2] formuliert er ein einfaches Argument: Das Arbeitsrecht gilt auch für die New Economy – und nach diesen Gesetzen sei es illegal, als Freiwilliger für ein Profitunternehmen zu arbeiten. "AOL hat die Arbeit von Freiwilligen genommen und als Produkt verkauft", sagt Greenberg. Das reiche, damit diese ein Anrecht auf den Mindestlohn in bar haben.

Seit zehn Jahren habe AOL Freiwillige benutzt, bis zu 16.000 jährlich, von denen manche gerade einmal 12 Jahre alt waren. Sie betreuen Chatrooms, entfernen anstößige Postings, prüfen Postings auf Viren und sorgen insgesamt dafür, dass der Community-Bereich von AOL auch weiterhin zu knapp einem Drittel zum Umsatz beiträgt. Der lag allein im vergangenen Jahr bei knapp 7 Milliarden US-Dollar. Einzige Gegenleistung: freier Zugang zum Online-Dienst. Dies konnte 1996 noch einen Gegenwert von einigen hundert, manchmal sogar einigen tausend US-Dollar bedeuten, entspricht heute aber mageren 19,95 US-Dollar pro Monat. Das ergibt für die Online-Betreuer nicht gerade einen berauschenden Stundenlohn ...

AOL weist diese Anschuldigungen mit dem Argument zurück, dass der Einsatz von Freiwilligen seit Jahren ein Eckstein der Internetunternehmen sei und das Unternehmen lediglich üblichen Praktiken folge. Die Freiwilligen könnten jederzeit aufhören und hätten deshalb keinen Anspruch auf Gehälter. (anm [3])


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-35560

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.forbes.com/asap/2001/0219/060.html
[2] http://www.forbes.com/asap/2001/0219/060s01.html
[3] mailto:anm@ct.de