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Universal-Ladegeräte für Handys sollen nun wirklich kommen

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Seit fast zwei Jahren tüfteln Handy-Hersteller an der Umsetzung eines Konzepts für einheitliche Handy-Ladegeräte, nun sollen sie endlich in die Läden kommen. Am Dienstag will die Branche dem Vizepräsidenten der Europäischen Komission, Antonio Tajani, das "erste Universal-Ladegerät" mit Micro-USB-Schnittstelle übergeben – als Beleg, die 2009 abgegebene Selbstverpflichtung erfüllt zu haben.

Micro-USB-Stecker

Für die lange Dauer der Umsetzung der Selbstverpflichtung waren technische Schwierigkeiten wohl erst in zweiter Linie verantwortlich. Die Ende 2010 verabschiedete, aber noch nicht gedruckte Norm EN 62684:2010 verweist diesbezüglich nämlich auf die 2009 in Version 1.1 erschienene USB "Battery Charging Specification". Viel mehr Raum nimmt die Diskussion der Funktionssicherheit ein – schließlich erlauben die Handy-Hersteller nun explizit das Aufladen mit Universal-Ladegeräten fremder Hersteller, sofern diese eben der EN 62684 entsprechen, und können sich bei Schäden nicht mehr aus der Gewährleistung stehlen.

Obwohl angeblich erst jetzt Universal-Ladegeräte erscheinen, hat Nokia bereits zwei solcher Geräte im Angebot, nämlich AC-6 und AC-10, die beide schon der EN 62684 entsprechen. Die Branchenverbände Bitkom und VDE sowie die EU hoffen, dass in Zukunft möglichst viele Mobilgeräte für die standardisierten Ladegeräte ausgelegt werden, also etwa auch MP3-Player oder Navis. Streng genommen gilt die Selbstverpflichtung nur für Smartphones, genauer: Mobile Telefone, die per USB Daten übertragen können. Anders ausgedrückt: Simple Handys ohne USB-Funktion müssen ebensowenig zum Universal-Ladegerät kompatibel sein wie Tablets, mit denen man nicht telefonieren kann. Außerdem gilt EN 62684 nur für Geräte mit einer Akkukapazität zwischen 400 und 2400 Milliamperestunden (mAh) bei 3,6 beziehungsweise 3,7 Volt Spannung – also typische Lithium-Ionen-Akkus.

Der maximale Ladestrom eines Universal-Ladegeräts muss zwischen 500 und 1500 mA (0,5 bis 1,5 A) liegen – bei einem besonders schwachen Ladegerät dauert das Aufladen eines Telefons mit besonders "großem" Akku also recht lange. Meistens soll sich der Akku aber binnen höchstens 6 Stunden von 10 auf 90 Prozent seiner Nennkapazität füllen lassen.

Zu den Sicherheitsvorschriften und Grenzwerten gehören etwa Überspannungs- und Überstromabschaltung sowie maximale Störemissionen. Der USB-Micro-B-Stecker am Ladekabel muss für eine typische Haltbarkeit von 10.000 Steckzyklen ausgelegt sein – für "gewöhnliche" USB-Stecker verlangt die USB-2.0-Spezifikation nur 1500 Zyklen. Das Universal-Ladegerät (Common External Power Supply, Common EPS) benötigt kein fest angeschlossenes Kabel mit Micro-USB-Stecker, sondern darf mit einem beigelegten Kabel verkauft werden. Dann aber muss die Anschlussbuchse am Ladegerät als "normal große" USB-(A-)Buchse ausgeführt sein. Die EU zwingt auch die Handy-Hersteller nicht, eine Micro-USB-Buchse einzubauen: Ein Adapterkabel für das Gerät mit einer Micro-USB-Buchse ist zulässig. Achtung: etwas ältere Smartphones sind noch mit Mini-USB-Buchsen bestückt, in die keine Micro-USB-Stecker passen.

Die recht großzügigen Bestimmungen sollen die Verbreitung der Universal-Ladegeräte fördern, um Ressourcen zu schonen und Müll zu vermeiden. Angeblich sollen die neuen Ladegeräte auch besonders effizient arbeiten, doch eine genaue Vorschrift zu Wirkungsgrad und Leerlaufleistung konnten wir bisher nicht finden. Nach den Vorgaben des Energy Star für External Power Supplies (EPS 2.0) müsste ein Ladegerät, welches sekundärseitig 1,2 Ampere bei 5 Volt liefert (6 Watt), im Leerlauf mit unter 0,3 Watt auskommen und unter Last eine Effizienz von 70 Prozent erreichen – da sind schon viele aktuelle Schaltnetzteile deutlich besser.

Die Ladegeräte-Norm schreibt nicht vor, dass während des Ladevorgangs gleichzeitig eine Datenkommunikation möglich sein muss; gemäß der Battery Charging Specification werden die USB-Datensignalleitungen (D+/D-) sogar dazu "zweckentfremdet", um dem zu ladenden Gerät das Vorhandensein eines Ladegerätes mitzuteilen. Diesen Trick nutzen etwa auch Ladegeräte für manche Apple-Geräte, um zu signalisieren, dass – anders als an einem USB-Port eines PCs oder Notebooks – mehr als 500 mA Strom zulässig sind. Apple baut in eine Reihe aktueller Macs "High Power"-USB-Buchsen ein, die bis zu 1,1 A liefern, auch einige PC-Mainboard-Hersteller implementieren ähnliche Ladeschaltungen. Diese funktionieren aber meistens erst, sobald unter Windows ein Spezialtreiber geladen wird, der den höheren Ladestrom freischaltet, wobei dann die Datenfunktion des jeweiligen USB-Ports abgeschaltet wird. Auch Apple weist darauf hin, dass Ladeströme über 500 mA nur unter Mac OS X fließen und nicht etwa unter einem via Boot Camp gestarteten Windows. Schließlich kann man den höheren Ladestrom auch nur bei direktem Anschluss an den Computer nutzen und nicht etwa über USB-Hubs. (ciw)

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