"Unmoralisch und unmenschlich": Amazon kündigt Streik-Organisator

Amazon hat einem Mitarbeiter gekündigt, der einen Streik wegen unzureichenden Schutzes am Arbeitsplatz vor dem Coronavirus organisiert hat.

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"Unmoralisch und unmenschlich": Amazon kündigt Streik-Organisator

(Bild: Sundry Photography/Shutterstock.com)

Von
  • Oliver Bünte

Der Online-Händler Amazon hat einem Mitarbeiter eines seiner New Yorker Warenlager gekündigt, der einen Streik wegen mutmaßlich unzureichender Absicherungen gegen das Coronavirus am Arbeitsplatz mitorganisiert hatte. Die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James bezeichnete das Vorgehen Amazons als "unmoralisch und unmenschlich". News Yorks Bürgermeister Bill de Blasio ordnete eine Untersuchung an. Amazon sieht sich dagegen im Recht.

Der gekündigte Mitarbeiter des Amazon Fulfillement Centers im New Yorker Bezirk Staten Island, Chris S., hatte einen Protestmarsch am Montag mitorganisiert, an dem mindestens 60 Mitarbeiter, Amazon spricht von 15 Mitarbeitern, teilgenommen haben sollen, schreibt Vice News.

Amazon hatte zuvor eingeräumt, dass ein Mitarbeiter des Warenlagers positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden war, soll dann allerdings keine ausreichenden Maßnahmen zum Schutz der anderen Amazon-Mitarbeiter am Standort unternommen haben, auch nicht, nachdem ein weiterer positiver SARS-CoV-2-Fall bekannt wurde, heißt es in einem weiteren Bericht von Vice News. Der Forderung von S. und der Amazon-Belegschaft, das Gebäude zu schließen, zu reinigen und zu sanieren sowie den betroffenen Arbeitern während dieser Zeit den Lohn weiterzuzahlen, hätte Amazon abgelehnt. Zuvor habe Amazon diese Maßnahmen noch bei einem ähnlich gelagerten Fall in einer Niederlassung in Queens ergriffen.

Im Fall Staten Island sah Amazon ausreichende Maßnahmen getroffen, so sei jeweils vor Schichtbeginn die Temperatur der Mitarbeiter gemessen worden. Auch hätte man sich mit den Gesundheitsbehörden über eine Tiefenreinigung des Gebäudes beraten. Zusätzlich habe Amazon neue Mitarbeiterleistungen eingeführt, unter anderem Lohnfortzahlung bei Abwesenheit, sogenannte Paid Time Off (PTO), beispielsweise wegen Krankheit oder Urlaub, die wohl durch monatelangen Druck von Mitarbeiterinteressengruppen auf das Unternehmen zustande gekommen war.

S. sei dann am Montag nach dem Protestmarsch nach eigenen Angaben telefonisch wegen Verstoßes gegen Quarantänebedingungen gekündigt worden. Wie Vice News berichtet, habe er nach Aussage von Amazon gegen "die Richtlinien zum Social Distancing verstoßen und die Sicherheit anderer gefährdet". Da er Kontakt zu einem SARS-CoV-2-Infizierten gehabt haben soll, habe ihm Amazon am Samstag dazu aufgefordert, für 14 Tage bezahlt zu Hause in Quarantäne zu bleiben. S. sei stattdessen zum Streik gekommen und hätte damit die anderen Amazon-Mitarbeiter gefährdet. Kündigungen gegen weitere Mitarbeiter und Teilnehmer des Protests seien nicht ausgesprochen worden.

S. stellt die Sache anders dar. Demnach hätte Amazon ihm am Samstag nicht mitgeteilt, ab wann die Quarantäne gelten sollte. Zudem sei nur er zur Quarantäne aufgefordert worden, nicht aber andere Mitarbeiter, die ebenfalls Kontakt zu dem Infizierten gehabt haben sollen. S. selbst sieht dadurch einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Organisation des Streikes und seiner Entlassung und kündigte rechtliche Schritte an.

Prominente Unterstützung erhält S. von der New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James, die die Entlassung in einer kurzen Mitteilung als "unmoralisch und unmenschlich“ bezeichnete. Es sei "schändlich“, dass Amazon einen Mitarbeiter entlassen habe, der sich für den Eigenschutz und den Schutz seiner Kollegen vor dem neuartigen Coronavirus eingesetzt habe. In New York seien Vergeltungsmaßnahmen des Managements gegen Mitarbeiter in solchen Fällen untersagt. James will deshalb rechtliche Schritte in Erwägung ziehen. Zuvor soll die Arbeitsschutzbehörde National Labor Relations Board in dem Fall ermitteln.

Auch der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio sieht einen möglichen Verstoß von Amazon. Er hat eine Untersuchung der Angelegenheit durch den Menschenrechtsbeauftragten der Stadt angeordnet. (olb)