Unternehmen nutzen günstiges Kursniveau für Rückkauf eigener Aktien

Unter anderem nutzt der IT-Dienstleister Bechtle den Rückgang der Aktienkurse für ein Rückkaufprogramm. Derweil zieht die Finanzkrise weitere Kreise: Die deutsche Niederlassung der isländischen Kaupthing-Bank wurde geschlossen.

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  • dpa

Die Krise des Finanzsystems und die dadurch fallenden Kurse an den Börsen sind für einige Unternehmen Anlass, Rückkaufaktionen für eigene Aktien zu starten. So nutzen etwa der IT-Dienstleister Bechtle und der Automobilzulieferer Bertrandt den derzeit günstigen Kurs ihrer Aktie.

Bechtle wolle ab sofort bis zu 2,12 Millionen eigener Papiere oder zehn Prozent des Grundkapitals zurück erwerben, teilte das Unternehmen mit. Der Kurs der im TecDAX notierten Bechtle-Aktie hat sich seit September von über 20 Euro auf unter 10 Euro mehr als halbiert.

Die Bertrandt AG teilte in Ehningen (Kreis Böblingen) mit, bis zu 100.000 eigene Aktien für ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm zu kaufen. Der Kurs der Aktie hat sich in den vergangenen Monaten von mehr als 28 Euro auf knapp über 14 Euro am Donnerstag halbiert.

Die Auswirkungen der Finanzkrise auf das am Rande des Staatsbankrotts stehende Island bekommen auch deutsche Kunden verstärkt zu spüren. Nachdem bereits die Internetbank-Tochter Icesave der isländischen Bank Landsbanki ihren Zahlungsverkehr eingestellt hatte, schloss die deutsche Finanzaufsicht BaFin nun auch die deutsche Niederlassung der isländischen Bank Kaupthing. Nach einer Mitteilung vom Donnerstagabend erließ sie ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot. Außerdem untersagte sie der deutschen Kaupthing-Niederlassung, Zahlungen entgegenzunehmen, die nicht zur Tilgung von Schulden ihr gegenüber bestimmt sind. Die BaFin begründete das sogenannte Moratorium damit, dass die verbliebenen Vermögenswerte gesichert werden müssten. Es bestehe die Gefahr, dass die Niederlassung ihre Verpflichtungen gegenüber Gläubigern nicht mehr erfüllen könnte.

Nach dem Bankenchaos in Island wurde unterdessen der Aktienhandel an der Börse in Reykjavik bis Montag komplett gestoppt. Der Börsenbetreiber OMX begründete den Schritt mit der "ungewöhnlichen Marktsituation". Die isländische Börse wird stark von den heimischen Banken dominiert. Wegen der internationalen Finanzkrise hatte die Regierung seit vergangener Woche nacheinander alle drei führenden Geldhäuser Kaupthing, Landsbanki und Glitnir unter staatliche Zwangskontrolle gestellt. Zuletzt hatte die Regierung am Donnerstagmorgen mit Kaupthing auch die größte und zuletzt als am stabilsten eingeschätzte Bank verstaatlicht.

Nach BaFin-Angaben hatte die isländische Muttergesellschaft Kaupthing bereits am Mittwochabend den Zugriff auf die Online-Konten der Niederlassung in Deutschland gesperrt, nachdem sie der Kontrolle der isländischen Finanzaufsicht unterstellt worden war. Auf der Homepage der Bank hieß es lediglich: "Derzeit ist der Zugriff auf die Online-Konten nicht möglich." Dabei hatte die Geschäftsführung zuvor in einer Mitteilung beteuert, dass das Geldhaus nicht in Schwierigkeiten sei. Ein Unternehmenssprecher wollte die Lage der Bank am Donnerstag nicht kommentieren und verwies auf die Zentrale in Island.

Die deutsche Kaupthing-Niederlassung hat nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) etwa 30.800 Kunden und Einlagenverbindlichkeiten in Höhe von 308 Millionen Euro. Die Kaupthing-Bank selbst hatte sich über die Zahl ihrer Kunden in Deutschland und die Höhe der Einlagen ausgeschwiegen. Nach früheren Angaben der deutschen Finanzaufsicht BaFin untersteht die Bank den isländischen Kontrollbehörden. Daher müssten sich die deutschen Kunden an die dortige Einlagensicherung wenden. Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag verkündete Staatsgarantie in unbegrenzter Höhe gilt für sie nicht. Das bestätigte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums der Berliner Zeitung.

In Großbritannien fürchteten derweil dutzende Gemeinden um ihre Einlagen bei isländischen Banken im Wert von 500 Millionen Pfund. Interessenvertreter der lokalen Behörden forderten die britische Regierung am Donnerstag auf, wie bei den Privatkunden auch für dieses Geld einzustehen. Dem Deutschen Städte- und Gemeindebund liegen keine Erkenntnisse vor, dass deutsche Gemeinden Einlagen bei isländischen Banken haben. In Großbritannien summieren sich die Investitionen allein bei mehreren Londoner Gemeinden bei den angeschlagenen isländischen Banken auf mehr als 100 Millionen Pfund. Zudem haben allein die Behörden in Kent 50 Millionen Pfund bei dem mittlerweile verstaatlichten zweitgrößten Geldinstitut Landsbanki oder dessen britischen Ableger Heritable angelegt. Betroffen waren auch die Londoner Verkehrsbetriebe, die 40 Millionen Pfund investiert hatten.

Ein Sprecher von Premierminister Gordon Brown sagte, die Regierung sei zu Gesprächen mit den betroffenen Gemeinden bereit. Von einer Garantie für das Geld sprach die Regierung jedoch zunächst nicht. Die oppositionellen Konservativen gehen davon aus, dass die Gemeinden bis zu einer Milliarde Pfund in isländischen Banken angelegt haben und warfen der Regierung vor, die Gemeinden ermutigt zu haben, ihr Geld bei Banken anzulegen, die den höchsten Gewinn versprechen.

Siehe dazu auch in Telepolis:

(dpa) / (jk)