Unternehmen und Handwerk sehen Fachkräftemangel als großes Problem

Ein Spitzentreffen im Kanzleramt berät über die konkrete Ausgestaltung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes. Wie groß das Problem ist, zeigt eine neue Umfrage.

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(Bild: giggsy25/Shutterstock.com)

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  • dpa

Der Fachkräftemangel ist für Unternehmen in Deutschland ein großes Problem. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) vor einem Spitzentreffen im Kanzleramt an diesem Montag gaben 56 Prozent der Firmen an, dass dies das größte Geschäftsrisiko darstelle. Ein Drittel der Unternehmen hat demnach in den vergangenen Jahren bereits ausländische Fachkräfte aus der EU sowie aus Nicht-EU-Staaten eingestellt.

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Bundesregierung, Länder, Wirtschaft und Gewerkschaften kommen am Montag im Kanzleramt zu einem Spitzentreffen zusammen. Dabei geht es darum, wie das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz schnell wirken kann. Es tritt am 1. März 2020 in Kraft und soll qualifizierten Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Staaten den Weg nach Deutschland ebnen.

Fachkräftemangel

Zuwanderungswilligen Akademikern bietet Deutschland einer anderen Studie zufolge nur mäßige Rahmenbedingungen. Bei der Attraktivität lande die Bundesrepublik unter den mehr als 30 OECD-Industrieländern nur auf Rang zwölf, heißt es in einer gemeinsamen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte vor dem Spitzentreffen betont, dass Deutschland auf gut qualifizierte Fachkräfte auch aus dem Nicht-EU-Ausland angewiesen sei. Das Gesetz soll ihnen den Weg nach Deutschland erleichtern.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, bezeichnete das Fachkräfteeinwanderungsgesetz als "gutes Gesetz". In der Passauer Neuen Presse (Montag) forderte er aber eine "rasche und unbürokratische" Umsetzung – also in der Praxis zum Beispiel schnellere Visa-Verfahren. "Aktuell gehen wir davon aus, dass im Handwerk etwa eine Viertel Million Stellen unbesetzt bleiben müssen, da die Betriebe keine geeigneten und zum Teil nicht entsprechend qualifizierten Mitarbeiter finden."

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, kündigte weitere Partnerabkommen mit anderen Ländern über die gezielte Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland an. "Die Bundesagentur wird weitere Partnerabkommen über die vereinfachte Arbeitsmigration nach Deutschland mit anderen Ländern abschließen, wie wir sie beispielsweise schon mit den Philippinen oder Mexiko haben", sagte Scheele der Rheinischen Post (Montag). Hier gehe es vor allem um Berufe im Gesundheitssektor.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte am Sonntagabend von der Wirtschaft eine Anwerbestrategie gefordert. "Sie muss uns sagen, in welchen Ländern sie für welche Branchen auch Fachkräfte anwerben will", sagte der SPD-Politiker in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin". Erst dann könne die Bundesregierung dies durch bürokratische Vereinfachungen unterstützen.

Deutschland will die Weichen für die Einwanderung von Fachkräften stellen. Hierzulande sind Hunderttausende ohne Arbeit. Könnten diese denn nicht alle Fachkräfte-Lücken schließen? Nein. Denn unter anderem passen die Qualifikationen von Arbeitslosen nicht immer zu den Jobanforderungen.

Im November waren bei der Bundesagentur für Arbeit 2,18 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, etwa 700.000 davon seit mehr als zwölf Monaten. Hinzu kommen weitere potenzielle Arbeitnehmer, die derzeit in Maßnahmen wie Weiterbildungen stecken oder arbeitsunfähig erkrankt sind. Zusammengerechnet liegt die Zahl der sogenannten Unterbeschäftigten bei 3,14 Millionen Menschen.

Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für das dritte Quartal 2019 erhob, gibt es in Deutschland 1,36 Millionen unbesetzte Stellen. Etwa die Hälfte davon sind bei der Arbeitsagentur gemeldet. Theoretisch kommen also auf 100 freie Arbeitsplätze etwa 230 Unterbeschäftigte. Es scheint hierzulande einen Überschuss zu geben.

Aber so leicht ist ein Vergleich natürlich nicht. Die meisten der bei der Arbeitsagentur gemeldeten Stellen richteten sich an Menschen mit Berufsschulabschluss, berechnete Anfang 2019 das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Doch kommt jeder zweite der rund 2,2 Millionen Arbeitslosen für Jobs in Frage, für die keine abgeschlossene Berufsausbildung verlangt wird. Ihnen bleiben freie Fachkräfte-Stellen in der Regel verwehrt. Zudem müssten Arbeitslose auch gewillt sein, in eine Region zu ziehen, in der es einen Mangel an Fachkräften gibt.

Zwar können Menschen qualifiziert werden – etwa vom Altenpflegehelfer, wo es keine Engpässe gibt, zum Engpass-Beruf des Altenpflegers. Das erfordert aus Sicht des IW aber ein hohes Maß an Engagement und Willen von Arbeitssuchenden und Unternehmen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert die Bundesregierung zu mehr Anstrengungen auf, damit über Qualifizierung und Weiterbildung auch hierzulande mehr Fachkräfte gewonnen werden können.

Doch auch der DGB ist zusätzlich für eine Anwerbung aus dem Ausland. So schaut sich die deutsche Wirtschaft etwa bei Handwerk, Bau, Pflege und Gesundheit händeringend nach Fachleuten um - im Inland und auch im Ausland. Da nach Ansicht der Bundesregierung die Zuwanderung aus EU-Staaten tendenziell abnehmen wird, setzt Berlin auch auf das Potenzial an qualifizierten Mitarbeitern aus Nicht-EU-Staaten - zunächst etwa aus Mexiko, Brasilien, Indien und Vietnam.

Von einem "umfassenden Fachkräftemangel" in Deutschland will die Bundesagentur allerdings nicht sprechen. "Vielmehr zeigen sich in einigen Berufen und Regionen spürbare Probleme bei der Besetzung von offenen Stellen", heißt es in ihrer jüngsten Analyse vom Juni 2019 (PDF-Datei). Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sieht allerdings vor, die Zuwanderung nicht mehr auf Engpassberufe zu beschränken. (tiw)